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Abb.: Havilland Aircraft "Mosquito"
Eine maschinenschriftliche Abschrift des "Mölders-Briefes"
unter "Ausgewählte Briefe"

Max Brink

Der "Möldersbrief"*

Eine der spektakulärsten Manipulationen war im Bereich der schwarzen Propaganda zweifellos der so genannte "Möldersbrief", den die Agitatoren des Delmer-Teams fälschten. So erfolgreich dieser Coup für die Engländer war, so schmerzlich wirkte er auf die deutsche Führung. Große Nervosität wurde bis in die höchsten Spitzen durch dieses Meisterstück verbreitet. Die Wirkung dieses "Möldersbriefes" in Deutschland überraschte selbst die englischen Verfasser. Das Schriftstück aus der "Giftküche" Sefton Delmers übertraf in seiner Wirkung alle vergleichbaren Erzeugnisse dieser Art. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit als das erfolgreichste Produkt der schwarzen Propaganda in die moderne Kriegsgeschichte eingegangen.

Doch zunächst müssten an dieser Stelle die entsprechenden Hintergründe zum Möldersbrief aufgezeigt werden.

Der Luftwaffenoberst Werner Mölders, der 1913 geboren wurde und 1941 tödlich verunglückte, war ein berühmter deutscher Jagdflieger, Er wurde nach seinem 101. Luftsieg im Juli 1941 als erster Soldat der Wehrmacht mit den Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern ausgezeichnet und zum Inspekteur der Jagdflieger ernannt. Seit August 1941 war Mölders General der Jagdflieger. Er wurde, als er auf der Krim stationiert war, am 20. November 1941 von dort aus nach Berlin befohlen, um am Staatsbegräbnis von Generaloberst Ernst Udet teilzunehmen.

Dieser "Generalluftzeugmeister" Udet, ein kleiner recht eitler Mann, der diesen Phantasietitel vom ebenso eitlen "Chef" Hermann Göring erhalten hatte, war nach offiziellen Angaben der deutschen Führung bei der Erprobung einer neuen Waffe ums Leben gekommen. Diese Nachricht war ein Gerücht, besser gesagt eine planmäßige Falschmeldung, weil man es sich nicht leisten konnte oder wollte, den wahren Grund seines Todes zu nennen. Udet hatte sieh in Wahrheit in seiner Wohnung durch Erschießen mit einem amerikanischen Colt das Leben genommen, weil es für ihn innerhalb der Luftwaffenführung unüberwindliche Schwierigkeiten gab. [1] Hauptsächlicher Grund seines Handelns war die Tatsache, dass Hitler und Göring ihn dafür verantwortlich machten, dass es der Luftwaffe in der Schlacht um Großbritannien nicht gelungen war, die britische Royal Air Force zu besiegen.

Ein solcher in Deutschland berühmter und bekannter Mann von sehr hohem Rang durfte sich innerhalb einer damals siegesbewussten Wehrmacht offiziell nicht das Leben genommen haben. Um also die These vom Erprobungs-Unglück zu untermauern, wurde von Hitler ein "Staatsbegräbnis" angeordnet, zu dem eben auch Mölders befohlen wurde.

Mölders hat Berlin nicht erreicht, das Schicksal hat es anders gewollt. Seine Maschine ist bei dem Versuch in Breslau zum Tanken zwischen zu landen gegen einen Schornstein geprallt und abgestürzt. Der Tod von Mölders interessierte den Nachrichtendienst der RAF in England und ein kürzlich in Gefangenschaft geratener Offizier der deutschen Luftwaffe wurde zu diesem Thema vernommen. Dabei ergab sich ein interessanter Umstand, dass nämlich Mölders selbst gläubiger Katholik gewesen war und erst kürzlich in einem Brief an einen nicht näher bezeichneten katholischen Priester in Stettin seine religiösen Überzeugungen zum Ausdruck gebracht hatte.

Was nun folgte, war auf das Ergebnis dieser Feststellungen zurückzuführen. Sofort entstand in Delmers Quartier in der Nähe von London eine emsige Betriebsamkeit was die Angelegenheit Mölders betraf. Zweifellos entwickelte Sefton Delmers Team, allen voran der "Chef" selbst, einen sechsten Sinn dafür, dass mit der unerhörten Popularität des Werner Mölders im Zusammenhang mit seinem jetzigen Tod eine durchschlagende und erfolgreiche Propaganda aufzuziehen wäre.

Werner Mölders war zweifellos bei einem echten Unfall ums Leben gekommen. In Delmers' Sender "Gustav Siegfried Eins" hingegen wurde in einer der nächsten Sendungen gemeldet, seine Maschine sei im Rahmen des von der Partei geführten antireligiösen Feldzuges von Himmlers Untermenschen abgeschossen worden. [2]

Um das Maß voll zu machen wurde außerdem gemeldet, die Partei habe das Kloster bei Münster beschlagnahmt, in dem die Schwester von Mölders als Nonne gelebt habe. In Wahrheit hat diese Schwester gar nicht existiert.

Dieser nachgeschobene Teil der Gerüchte war zweifellos ein gutes Stück übertrieben, wenn nicht reichlich gewagt, was die Glaubwürdigkeit einer Falschmeldung betrifft. Doch war andererseits diese Dreistigkeit der Meldung gar nicht so erstaunlich, wenn man bedenkt, dass bestenfalls nur ein sehr geringer Teil der Bevölkerung aus dem engen Raum des Münsterlandes tatsächlich in der Lage gewesen wäre, Zweifel an diesem Teil der Radiomeldung anzubringen. Im Wesentlichen untermauerte das Delmer-Team nämlich damit die Behauptung der antireligiösen Beweggründe innerhalb der komplexen Affäre.

Steht man sich einmal an, wie diese Propaganda-Konstruktion weiter entwickelt wurde, so waren diese Hinweise auf die Gegend von Münster gar nicht so rätselhaft.

Es wurde in England eine kleine Menge besonders für diesen Zweck zu benutzende Flugblätter hergestellt. Diese Falsifikate waren mit einer deutschen Schreibmaschine geschrieben und auf ebenfalls gefälschte Meldeformulare der Luftwaffen-Nachrichtentruppe gedruckt. Diese Flugblätter wurden von zwei schnellen niedrig fliegenden Mosquitos in der Nähe der deutschen Nachtjägerbasen Münster-Handorf und Rheine in dem Moment abgeworfen, als die dort stationierten deutschen Maschinen im Einsatz gegen eingeflogene britische Bomberverbände gestartet waren.

Um zu verstehen, dass dies eine sehr wohl überlegte Handlungsweise des Delmer-Teams war, ist es an dieser Stelle nötig, über die Besonderheiten der britischen Mosquitoflugzeuge detaillierte Hintergründe deutlich zu machen.

Die "Mosquito" war ein zweimotoriger britischer Schnellbomber der Firma de Havilland Aircraft, der fast vollständig aus Balsaholz bestand und "das hölzerne Wunder" genannt wurde.

Das Flugzeug wurde als Pfadfinder vor den Pulks der schweren Bomber aufgeboten. Schnelligkeit und Wendigkeit legten auch den Einsatz der Mosquito als Jagdbomber und Nachtjäger nahe.

Es gab im damaligen Luftkrieg besondere Tricks, deren sich die RAF mit teilweise ansehnlichem Erfolg gegen die deutsche "Ju 88" bediente. Dieses hochwertige Bomben- und Jagdflugzeug seiner Zeit [3] nötigte den Briten entsprechenden Respekt ab. Immerhin fügten diese Nachtjäger der deutschen Luftwaffe mit Unterstützung ihrer bordeigenen Radargeräte "Lichtenstein BC", die dem britischen Gerät "Al Mk 1 V" überlegen waren, den britischen Lancasterbombern bei den nächtlichen Angriffen erhebliche Verluste zu.

Doch so sehr einerseits die Dunkelheit der Nacht aufgrund der Radarüberlegenheit in diesen Fällen die Junkers-Jäger stark machten und ihnen Vorteile verschafften, so nutzte demgegenüber die britische RAF diese Dunkelheit auf andere, raffinierte Weise gewinnbringend aus.

Die RAF-Mosquitos hatten die partikuläre Aufgabe, gegen die von der britischen Seite zu recht gefürchteten Nachtjäger Ju 88 auf eine recht eigenwillige Weise vorzugehen. Sie versuchten sich den nach den Luftkämpfen abfliegenden deutschen Jägern anzuschließen und in ihrem zum eigenen Fliegerhorst strebenden Verband mitzufliegen.

Diese Taktik wurde insofern von deutscher Seite fast immer zu spät erkannt, weil die Schatten der Mosquitos und der Ju 88 in der Dunkelheit fast gar nicht voneinander zu unterscheiden waren. Ihre äußeren Formen waren sich unglaublich ähnlich. Man nannte bei der deutschen Luftwaffe diese Art von Mosquitos "Klebeflugzeuge", weil sie bei der Rückkehr der deutschen Ju 88 Maschinen im Augenblick der geschwächten Situation einer Landung auf den Fliegerhorsten Münster-Handorf und Rheine ihre Bomben genau in den Landevorgang auf die Rollbahnen warfen und somit erhebliche Schäden und Abstürze verursachten. Auch die Funkspruchwarnungen der Luftwaffeneinsatzleitung nach inzwischen erfolgten Bruchlandungen kamen meistens zu spät bei den Piloten an, so dass tatsächlich weiterer Bruch nicht verhindert werden konnte. An Dreistigkeit kaum zu überbieten war eine weitere Taktik der Mosquitos. Sie versuchten beim Landen hinter den deutschen Jäger zu kommen und brachten ihn sehr häufig in dieser Phase durch einen kurzen Feuerstoß zum Absturz. Dabei erkannten die Mosquitopiloten die schwache Landebeleuchtung und hielten sich manchmal länger in dieser Umgebung auf.

Kommen wir nun also wieder auf den Ausgang des Themas zurück, auf die "Mölders"propaganda der britischen Seite. Dadurch, dass man die Mosquitos für diesen Coup einsetzte, ging alles ziemlich reibungslos und unbeobachtet vor sich. Die Flugblätter tauchten zu einem Zeitpunkt am Boden auf, dass ein Verdacht auf Sabotage und Wehrkraftzersetzung aus eigenen Reihen überhaupt nicht ausgeschlossen wurde.

Dem eigentlichen Brief gingen einige kurze einführende Bemerkungen voraus, die angeblich von einem ebenfalls katholischen anonymen Jagdflieger verfasst waren. Es sollte der Anschein erweckt werden, die Flugblätter seien von einem antinazistischen deutschen Piloten abgeworfen worden.

Die Gestapo hat sich in diesem Fall tatsächlich täuschen lassen, denn nichts deutete später darauf hin, dass sie je den Verdacht hatte, die Flugblätter könnten in England gedruckt worden sein.

Der Möldersbrief selbst, den er an einen nicht existierenden katholischen Geistlichen (Probst Johst) in Stettin geschrieben hatte, hätte nicht maßvoller sein können. Mölders teilt seinem Freund und geistlichen Beistand mit, dass die Jagdflieger der Luftwaffe die Kirche nicht mehr verächtlich ablehnten, sondern viel mehr zu ihr zurückkehrten und selbst "gestärkt durch die Sakramente der Kirche", dem Tode mit Gleichmut ins Auge sehen.

Was die Behörden in Deutschland besonders empörte war die Tatsache, dass ausgerechnet Mölders Anspielungen auf die antireligiöse Haltung der Partei machte, die in katholischen Kreisen auf zunehmende Ablehnung stieß.

Am Überraschendsten war es jedoch, dass der Brief sofort in vielen Abschriften in Deutschland verbreitet wurde. Die Gestapo verhörte die Mutter von Mölders, die ihn als Fälschung bezeichnete und den wirklich existierenden Probst Daniel in Stettin nicht kannte. Der Text wurde von zahlreichen Kanzeln verlesen. Schreibmaschinen und Vervielfältigungsgeräte wurden beschlagnahmt. Einige Geistliche wurden verhaftet. Im April 1942 meldete die Polizei in Nürnberg-Fürth in ihrem Bereich hätten nicht weniger als 11 katholische und 7 evangelische Geistliche den Brief im Gottesdienst verlesen. Abschriften davon waren von Münster bis nach Oberbayern im Umlauf.

Als der Brief in Deutschland erschien, vermutete der deutsche Propagandaminister Josef Goebbels hinter diesem für ihn defätistischen Schreiben eine katholische Fälschung. Am 3. März 1942 notierte er in sein Tagebuch: "Der gefälschte Möldersbrief an einen Probst in Stettin geistert in der ganzen katholischen und vor allem auch protestantischen Öffentlichkeit herum. Es ist wahrhaft beleidigend, mit welchen Mitteln hier die Kirchen zu arbeiten versuchen. Ich werde nunmehr veranlassen, dass einer der Pfarrer, die diesen Brief verbreitet haben, vor Gericht gestellt und dort von dem infrage stehenden Probst unter Eid ausgesagt wird, dass er niemals von Mölders einen solchen Brief erhalten habe." [4]

Fieberhaft fahndete die Gestapo nach dem vermeintlichen kirchlichen Verfasser dieses "Machwerks", das schließlich in zahllosen Abschriften und Vervielfältigungen nicht nur im Reichsgebiet, sondern sogar bis an die Front verbreitet wurde.

Die überraschende Wirkung dieser Brieffälschung lag vor allem in der Meinung weiter Kreise der Bevölkerung, der Brief sei ein Zeugnis katholischer Opposition. Viele glaubten nicht an den "Unfalltod" von Oberst Mölders, sondern vermuteten, dass er das Opfer einer "gezielten Aktion" geworden sei.

Diese Legende wurde durch den Schwarzsender "Gustav Siegfried Eins" verbreitet. Die Meinung, Mölders sei irgendwie beseitigt worden, ist ein Beweis dafür, dass dieser Sender regelmäßig von bestimmten Zielgruppen abgehört wurde und die im Umlauf befindlichen Gerüchte auslöste. Die Betroffenheit, die der Möldersbrief bei vielen Deutschen hervorrief, beruhte darauf, dass es dem Delmer-Team gelang, mit diesem Brief die Gemütslage vieler Deutscher zu treffen. Der Brief bestätigte den Leser darin, sich als Individuum mit ganz bestimmten Wertvorstellungen zu fühlen und nicht als anonymes Mitglied einer Volksgemeinschaft oder als Zahnrad einer gut funktionierenden Staatsmaschinerie.

Die englischen Propagandisten hatten bald bemerkt, dass Individualismus den ersten Akt der Illoyalität gegenüber einem totalitärem Regime darstellte. [5]

Man kann deshalb nicht leugnen, dass gerade aus dieser Erkenntnis heraus der von Delmer erfundene Möldersbrief eine Meisterleistung auf dem Gebiet der Gerüchte war, der seine zersetzende Wirkung auf einen großen Teil der von ihm aus gesehenen gegnerischen Bevölkerung einschließlich seiner Soldaten gehabt hat.

* Mit freundlicher Genehmigung des Autors Max Brink (E-Mail: maxbrink@osnanet.de). Der Aufsatz ist unter dem Titel: "Der Möldersbrief" erschienen in: Brink, Max: Gerücht oder Legende - Methoden der Irreführung, Books on Demand, Osnabrück, S. 107-114
[1] Dokumentation des ZDF: Hitlers Krieger, Sendetermin 10.11.1998
[2] Ellic Howe, "Die schwarze Propaganda", Kapitel 21
[3] Eric Brown, "Berühmte Flugzeuge der Luftwaffe 1939-1945", S. 151-165
[4] Goebbelstagebücher, Band 4, S. 1761
[5] Ellic Howe, "Die schwarze Propaganda", Vorwort, C.H. Beck Vertag München 1983