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Jens Ebert bei der Buchpräsentation

Der Herausgeber Jens Ebert bei der Buchpräsentation am 7. Mai 2009 im Museum für Kommunikation Berlin

Jens Ebert

"Ein Arzt in Stalingrad"

Einführungsvortrag zur Buchpremiere am 7. Mai 2009 im Museum für Kommunikation Berlin

Keine Schlacht des Zweiten Weltkrieges löst in Deutschland so große und unterschiedliche Emotionen aus, wie die Schlacht um Stalingrad. Längst sind es nicht mehr die militärischen Daten, die die Diskussionen bestimmen, sondern die mit der Schlacht verbundenen Geschichten, Legenden und Mythen. Erzählt und verbreitet wurden diese von 1942 bis in die Gegenwart. Zuerst instrumentalisiert durch die NS-Propaganda als "Opfergang" der dem deutschen Volk als Vorbild angedient wurde, passte der Untergang der 6. deutschen Armee in Stalingrad nahtlos in die politischen Wirren des Kalten Krieges - auf beiden Seiten der imaginierten Schützengräben. In der westdeutschen Nachkriegskultur war das "Opfer" von Stalingrad omnipräsent und bot vielfältige Möglichkeiten zur Umdeutung und Neuinterpretation der jüngsten Geschichte, sofern sie nicht einfach verdrängt wurde. Stalingrad wurde in Deutschland zu einem Symbol für das Leid des Krieges - hauptsächlich für erlittenes Leid, weniger für verübtes!
In Ostdeutschland war es die durchaus bittere Erkenntnis, dass eine friedfertige Welt und die beabsichtigte neue Gesellschaft, in der "die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" [1] eben mit diesen verführten und schuldig gewordenen Menschen aufgebaut werden musste, was zu einem differenzierten Umgang mit den Wehrmachtsangehörigen zwang.
Einer, der die gesamte Zeit in Stalingrad bis zur Kapitulation dabei war und den die Erfahrung der Schlacht und der anschließenden Gefangenschaft bis an sein Lebensende beschäftigte und prägte, war der Regimentsarzt Dr. Horst Rocholl.

Er wurde 1908 als Sohn des Rechtsanwaltes Dr. Hermann Rocholl in Kassel geboren. Sein Abitur 1927 geriet passabel. Rocholl studierte Medizin, krönte 1934 seine Ausbildung mit dem Doktorhut und praktizierte als niedergelassener Arzt bis zum Kriegsausbruch 1939.
In diesen nur gut 30 Jahren seit seiner Geburt war Rocholl bereits Zeuge größter politischer und gesellschaftlicher Wandlungen: Erster Weltkrieg, Novemberrevolution, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und schließlich Beginn des Zweiten Weltkrieges. Es ist eine Zeit schwerster Konflikte, Irrungen und Verwerfungen, von bis dahin nicht gekannten politischen Auseinandersetzungen - und Entscheidungen.
Der kleine Horst Rocholl war in seinen Kindheitsjahren, wie fast alle Altersgenossen in (gut)bürgerlichen Kreisen im Geiste des Monarchismus erzogen worden. Doch 1918, in Ermangelung eines Monarchen und nachdem er alle vier Kriegsjahre seit 1914 als Soldat durchlitten hatte, wurde sein Vater plötzlich Demokrat.

Der Regimentarzt Horst Rocholl

"Ich war 1919 als Elfjähriger Wahlhelfer der Demokratischen Partei Deutschlands. Da in meiner Familie fast nur Anhänger dieser Partei waren, wurde ich in ihrem Geist erzogen, der allerdings wenig konsequent war, so wenig konsequent, dass ich nichts Besonderes dabei fand, als mein Vater 1932 nach der Novemberwahl der NSDAP und der Reiter-SA beitrat." [2]

Ein Jahr später wird auch Horst Rocholl Nationalsozialist. Die wirklich düsteren Wolken jener Zeit will fast niemand sehen. Rocholl heiratet 1932. Ein Jahr später kommt Sohn Hermann zur Welt, 1934 Tochter Gisela. 1936 lässt er sich im hessischen Waldkappel als Landarzt nieder und wird 1937 Ortsgruppenleiter der NSDAP. Doch dann bittet Ehefrau Maria um die Scheidung und geht als Stewardess zur See. Rocholl bleibt als allein erziehender Vater zurück. Auch die Funktion des Ortsgruppenleiters scheint ihm Unbehagen zu bereiten. Als man ihm versagt, sie abzugeben, zieht er kurz in einen anderen Ort. Kurz noch vor Kriegsausbruch beginnt ein neues Glück mit der zweiten Ehefrau Gisela und der Geburt der gemeinsamen Tochter Ute.

Zeit seines Lebens hat Horst Rocholl unumwunden zugegeben, lange ein glühender Nationalsozialist und Anhänger Hitlers gewesen zu sein. Sein späteres, mindestens genauso überzeugtes und überzeugendes Bekenntnis zum Antifaschismus fiel ihm nach dieser Fehlleistung nicht leicht. Es war Ergebnis eines ebenso langen wie schmerzlichen Prozesses. Und das obwohl er bereits im Stalingrader Kessel die Brüchigkeit, Verlogenheit und Menschenfeindlichkeit des NS-Systems zu erahnen begann, dies allerdings wohl mehr fühlte, als er es begriff. Er machte es sich daher später auch nicht einfach und datierte seine Wandlung einfach mit der Teilnahme an den ersten Antifa-Schulungen in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. In der DDR muss es eigenartig geklungen haben, wenn Rocholl auch noch in späteren Jahrzehnten betonte, sich erst spät vom Nationalsozialismus gelöst zu haben.
Rocholl ist, auch das kommt in seinen Briefen deutlich zum Ausdruck, überzeugter Atheist. Und doch kann er offenbar ohne einen Glauben nicht leben. Wenn er über Hitler und dessen Politik schreibt, wird sein Ton stets beschwörend. Dankbar nimmt er die pseudoreligiösen Angebote der NS-Ideologie und deren propagandistischer Verbreitung an. Rocholl sucht in der straffen Organisation von NS und später der Wehrmacht einen Halt in seinem Leben. Doch in seinen Briefen gibt es auch immer wieder kritische und distanzierende Reflexionen, die Brüche zur NS-Ideologie dokumentieren. Brüche, die dem Wehrmachtsangehörigen und NSDAP-Mitglied nicht wirklich bewusst gewesen sein mochten.
Rocholl bewahrte sich stets einen gleichsam natürlichen Humanismus. Der NS-Ideologie zugetan, hatte sie doch nur wenig direkte Auswirkungen auf sein praktisches Handeln oder auf sein Wertesystem im Alltagsleben. Rassismus und Diskriminierung von Menschengruppen, aus welchen Gründen auch immer, scheinen ihm stets fremd zu sein.
Mit dem gleichen Engagement wie verwundete Kameraden behandelt Rocholl völlig selbstverständlich auch kranke Russen und Ukrainer. Von deren primitiven Lebensverhältnissen ist er entsetzt. Sie sind ihm jedoch keine "Untermenschen", sein Mitleid mit ihnen ist ehrlich. Rocholl hofft: "Den einfachen Mann der anderen Seite aber können wir für unsere Sache gewinnen." In seinen Vorstellungen von der Zukunft gibt es also durchaus einen Platz für den geschlagenen Gegner. Die Pläne der NS-Führung zur Ausrottung auch größerer Teile der slawischen Bevölkerung Osteuropas und der Versklavung der Überlebenden waren dem Briefeschreiber, wie fast allen Soldaten sicher unbekannt. An seine Kinder schreibt er am 7. Juni 1942:

"In Rußland ist's immer noch so dreckig wie im vorigen Jahr. Die Kinder waschen sich nicht, haben keine Schuhe und Strümpfe an, dafür aber ganz schwarze Füße. Sie sprechen ganz anders wie Ihr, nämlich russisch. Wenn man sie was fragt, sagen sie "Nje ponimai". Das heißt: ich verstehe nicht. Die meisten haben ganz kaputte und dreckige Sachen an und Läuse auf dem Kopf und in den Kleidern. Sie haben Hunger, weil sie kein Brot mehr haben und von wenig Kartoffeln und Milch nicht satt werden können. Sie bettelt dann bei uns um Brot und Salz. Zu kaufen gibt es hier garnichts. Will man ein Ei haben, dann muß man 2 Zigaretten dafür geben oder eine Scheibe Brot, ebenso wenn man Milch haben möchte.
Zu mir kommen jeden Tag kranke Russen und welche mit Wunden, kranken Augen oder Zähnen. Die behandele ich dann, weil der nächste Arzt 10 Stunden weit in der Stadt wohnt. Bezahlen können sie nichts weil sie nichts haben, und sie brauchen auch nichts zu geben. Sie sollen ja doch sehen, daß wir Deutschen anständiger sind wie die Juden und Bolschewisten."

Doch woher kommen Rocholls Sympathien für das Dritte Reich? Das gewählte Medizinstudium mag nicht ganz unerheblich dazu beigetragen haben. Ein wesentliches Element der NS- Ideologie war der transformierte Gesundheitsdiskurs. Die Propaganda bediente sich häufig des medizinischen Jargons zur Vermittlung gesellschaftlicher Positionen und fand so gerade bei medizinischem Personal schnell Akzeptanz. Der Anteil von NSDAP-Mitgliedern (und wohl auch Sympathisanten) im medizinischen Bereich war bedeutend höher als bei vielen anderen Berufsgruppen.
Der Gesundheitsdiskurs erwies sich für die NS-Ideologen als besonders geeignet, akzeptierte Werte des Alltagsbewusstseins als politische Handlungsanweisungen zu artikulieren. Auf vielfältige Weise, nicht nur bei der Stärkung des "gesunden Volksempfindens" wurden im Dritten Reich Begriffe aus der Hygiene verwendet bis hin zur Verbindung von Gesundheit und Heilung mit politischer Herrschaft und legitimer Vernichtung des Gegners. Wenn politische und ethnische "Feinde" als Schädlinge, Geschwür, Ratten, Parasiten oder Krankheitserreger artikuliert wurden, Juden und Kommunisten als "Krankheit am Volkskörper" galten, war eine große Akzeptanz beim Ausrotten, Ausschneiden, Vernichten oder Desinfizieren zu erwarten, insbesondere, aber eben nicht nur, bei Bevölkerungsgruppen, die tagtäglich die Notwendigkeit solcher Tätigkeiten als positive Handlung und als Notwendigkeit erlebten. Allerdings "Desinfizieren hieß: vergasen, verbrennen." [3]

Schließlich galt alles als krank, was der nationalsozialistischen Herrschaftsausübung im Wege stand. Der uminterpretierte Gesundheitsbegriff drang in weite Teile des Volkes ein. Entscheidend allerdings war in diesem Zusammenhang, ob die ideologischen Positionen im Alltag auch beim Einzelnen handlungsanweisend wurden, also der Vernichtungsgedanke wirklich umgesetzt wurde. In diesem Sinne passt Rocholls Verhalten gegenüber der sowjetischen Zivilbevölkerung, aber besonders gegenüber den verwundeten Rotarmisten, die er auch selbstverständlich medizinisch versorgt, nicht ins NS-System. Er orientiert sich in seinem Verhalten am Wortlaut des Hippokratischen Eides und nicht an den Positionen von Mein Kampf. Wenn auch der bereits greifbare Untergang der 6. Armee, der eigene einbegriffen, sein Nachdenken und kritisches Reflektieren deutlich befördert haben mag, ist es doch zuerst ein Ausdruck bewahrter menschlicher Integrität wenn er am 14. Januar 1943 schreibt:

"Ich bin ja doch ein Mensch, keine Bestie, habe die verwundeten Feinde versorgt, so oft ich konnte, so oft meine sonstigen Aufgaben die Möglichkeit dazu gaben. Ich habe es getan, nicht aus Mitleid, sondern weil ich in ihnen Soldaten sah, wenn auch feindliche."

Vor dem Vormarsch auf Stalingrad war Rocholl zunächst längere Zeit in Frankreich stationiert. Der Dienst hier scheint nicht sonderlich aufreibend zu sein. Genug Zeit bleibt, um ins Varieté, ins Theater oder ins Kino zu gehen. Der Krieg zeigt sich für den Soldaten hier von der angenehmsten Seite, auch wenn nicht alle Vergnügungen halten, was sie zunächst versprechen. Der Dienst in Frankreich scheint, folgt man den Erzählungen in den Briefen, insgesamt vor allem eine Aneinanderreihung von Restaurantbesuchen und Festivitäten zu sein. Hier scheint in den postalischen Berichten ein wichtiger Aspekt einer Faszinationsgeschichte auf, die der Krieg eben auch darstellte. Viele Wehrmachtsangehörige verbinden nicht nur in einer späteren verklärenden Erinnerung angenehme Erlebnisse mit den Eroberungszügen, da sie erstmals fremde Länder, Menschen und Kulturen, noch nie gesehene Tiere, Speisen und Nahrungsmittel kennen lernen. Einkaufen in Pariser Geschäften, Baden in der Ägäis, Flanieren an holländischen Grachten, das Erleben der herben und unberührten Landschaft Norwegens, das Reiten auf Kamelen in der ukrainischen Steppe - davon hatte die Mehrzahl der Deutschen vor 1939 noch nicht einmal geträumt.

"[Paris], 19. I. 1942
Geliebtes Muttertier!
Schade, wenn ich gestern dran gedacht hätte, daß Reichsgründung war, wäre ich mal nach Versailles gegangen und hätte mir den Spiegelsaal angesehen. Einige Kameraden waren zufällig dort und hörten dann vom Führer, daß sie jetzt im Spiegelsaal wären, in dem vor 72 Jahren das deutsche Reich gegründet wurde. Was muß der Krieg 1870 eine herrliche Sache gewesen sein. Es ging schnell wie der Wind. Nachher war ein Reich gegründet und scheinbar alles in bester Ordnung. Handel und Wandel blühten nachher und bis 1914 hielt die Kiste.
Ich habe gestern vergessen, Dir die Liste mit der Punktbewertung beizulegen. Ich lege sie heute in den Umschlag rein. Ich bin ein bißchen verkalkt. Dadurch vergesse ich oft was. Mein Sanitätsunteroffizier muß mich immer an alles erinnern. Mit meinen persönlichen Dingen kann ich ihn aber nicht behelligen.
Der kleine Kulso ist nun schon unter die Räder gekommen. Heute abend hat er bereits ein Rendez-vous mit einer Französin. Die ruhigsten Vertreter werden langsam verrückt. Dabei kann der Kerl kaum ein Wort Französisch. Wie er sich verständigen will, ist mir völlig schleierhaft. Ich habe ihm schon angeboten, mitzugehen und die Liebensgespräche zu übersetzen. Das wollte er aber nicht. Er meinte, er würde schon irgendwie zurecht kommen. [...] Hast Du mein Postpaket schon bekommen? Wenn ja, hoffe ich, daß es Deinen hohen Beifall erzielt hat. Neben den zur ausreichenden Füllung meines Bauches notwendigen Dingen gebe ich nur zu den Einkäufen Geld aus und Du glaubst nicht, welchen Spaß es macht, was zu kaufen, was man erst so entdecken muß. Ich kann direkt die einkaufswütigen Leute zuhause verstehen, obwohl Einkaufen hier was ganz anderes ist. Hier sind die Waren vorhanden und die Menschen können sie nicht bezahlen, während es zuhause umgekehrt ist.
Ich weiß, ich bin heute nachmittag langweilig und will lieber aufhören, bis ich Dir wieder mal was Neues zu erzählen weiß.
Mit einem lieben, langen Kuß
Dein Paps"

Trotz der angenehmen Verhältnisse in Frankreich sieht Rocholl im Frühsommer 1942 dem kommenden Einsatz im Osten mit einer freudigen Spannung entgegen. Am 14. Juni bemerkt er: "Ein eigenartiges Gefühl ist es immer vor dem Kampf. Man ist in einer Art Stimmung, wie bei einem Fest." Und am 25. Juni: "Es ist einem vor dem Einsatz zumute, wie vor einer heiligen Handlung." Sein fast religiöser Glaube an die Unbesiegbarkeit der Wehrmacht lässt ihn alle Gefahren verdrängen, zumal die Sanitätseinheiten nicht an vorderster Front stehen.
Rocholl begegnet dem Feindesland nicht nur mit offenen Augen, er besitzt auch einen Fotoapparat, eine Leica, das gesehene Fremde festzuhalten - für sich, sowie seine Familie und Freunde in Deutschland. Sein Blick ist für einen, der sich nach eigenem Selbstverständnis dem Nationalsozialismus verbunden fühlt, erstaunlich unvoreingenommen. Seine Bilder vom Leben der ukrainischen und russischen Bevölkerung sind eher durch Entdeckergeist und Neugier geprägt, verraten ein gleichsam ethnologisches Interesse. Rocholl war ein begeisterter und reger Fotograf.
Die Fotos zeigen zuweilen eine erstaunliche Vertrautheit des Regimentsarztes mit der einheimischen Bevölkerung, die in den Dörfern hinter den Kampfhandlungen beim Vormarsch möglich war. Das mag damit zu tun haben, dass er die Dorfbevölkerung ohne Vorbehalte stets als seine Patienten ansah. Unter den Porträts von sowjetischen Männern, Frauen und Kindern findet sich eines mit einer jungen Frau, die ein Kleinkind in ihren Armen trägt. Dies strahlt eine Freundlichkeit und Friedlichkeit aus, die aufmerken lässt. Dachte der Deutsche beim Anblick dieser - sicher ukrainischen - Frau an seine eigene daheim, die sein fünftes Kind erwartete? Fühlte er sich dadurch mit ihr verbunden? Groß ist sein Interesse an den so fremden Landschaften, Siedlungen und Menschen. Letztere werden nicht herablassend oder gar herabwürdigend "vorgeführt". Er dokumentiert gleichsam als Entdecker in der Fremde ihr Dasein in ihren alltäglichen - allerdings recht ärmlichen und primitiven - Lebensverhältnissen. In diesem Sinne unterscheiden sich die Bilder von den Propagandabildern des Ditten Reiches und entsprechen kaum der Forderung von Propagandachef Goebbels, der im Jahr 1941 forderte, "die vertierten, bolschewistischen Typen dem freien und offenen Blick der Deutschen" gegenüberzustellen.[4]

Am 19. November 1942 wendet sich das Blatt. Sowjetische Truppen umschließen die 6. Armee. Alle Zensurbestimmungen ignorierend, die Tatsache der Einkesselung der 6. Armee wurde in Deutschland wochenlang streng geheim gehalten und erste Mitte Januar 1943 verklausuliert bekannt gegeben, schreibt Rocholl schon am 25. November ganz offen:"Wir singen die Melodie, Kesselchen hin, Kesselchen her, Kesselchen kreuz und quer. Da die Sache noch nicht endgültig klar ist, kann es mit Post etwas länger dauern."

Der voraussehbare Untergang der 6. Armee lässt Rocholl zunehmend nachdenklicher werden. Zwar ist er immer noch Nationalsozialist, aber er erkennt, dass der Krieg hier im Osten ins Verderben führt. Er sieht Grauenhaftes und die Ausweglosigkeit der Lage. Schließlich hat er sein eigenes Ende vor Augen, was man seinem letzten Brief aus dem Stalingrader Kessel deutlich anmerkt:

"St[alingrad], den 23.1.43
Meine ganz doll geliebte Gis!
Rittmeister v. Meyer, der diesen Brief mitnimmt, ist ein ganz prächtiger Mann. Er hat gegen seine Versetzung und seinen Abflug gewaltig protestiert. Ich habe ihn in den Tagen engster Zusammenarbeit hier sehr schätzen gelernt. Hart gegen sich und andere, ist er der zur Zeit beste Offizier des Regimentsrestes. Regiment kann man es nicht mehr nennen, und wie stolz war unser Haufe, als wir in den Kampf zogen.
Es tut mir so leid für Dich, daß Du nun solche Sorgen hast. Sei Dir darüber klar, daß kein Opfer umsonst ist, daß alles, was uns das Schicksal auferlegt, eben sein muß. Mich kann nichts mehr erschüttern, außer dem unsagbaren Leid anderer Menschen, das ich gerade in diesem Tagen mit ansehen muß. Wenn der letzte von ihnen abflöge, könnte ich neidlos der letzten Ju nachsehen und aufs Tiefste befriedigt sterben.
Das Wetter ist etwas trüber geworden. Hoffentlich landen dann viele Maschinen hier, damit Verwundete wegkommen. Brot habe ich seit 7 Tagen nicht mehr gegessen, dafür 2 x Suppe am Tag. Ich habe etwas Nudeln, mit denen ich mir immer mal was kochen kann, denn ich muß bei Kräften bleiben, weil ich Tag und Nacht immer arbeiten muß. Einen ganz lieben, langen Kuß, dem hoffentlich noch viele folgen werden.
Dein Paps."

Drei Jahre dem Ende der Schlacht um Stalingrad kann Rocholl seine erste Postkarte aus der Gefangenschaft schreiben. Sein Ton ist ernster geworden, sein Stil weniger geschmeidig. Man spürt bei den Postkarten den stets politisch korrekten Mitteilungsdrang des Schreibenden. Die grauenhaften Erlebnisse aus der Endzeit des Kessels, die schwere Zeit in den ersten Monaten der Gefangenschaft und der Zusammenbruch einer verbrecherischen Weltanschauung, eine veränderte Umwelt und damit verbundene neue Erfahrungen und Erkenntnisse bewirkten zaghaftes neues Denken und noch unsicheres Schreiben darüber.

"17. I. 1946
Geliebte Gis! Hätte ich doch schon in Stalingrad geahnt, wie menschlich und anständig wir hier behandelt würden, dann hätte ich Dir nicht am Schluß so verrückte, verzweifelte Briefe geschrieben. Immer wieder habe ich mir Vorwürfe darüber gemacht, dass ich Dir so unnütz Kummer bereitet habe, wo Du es mit den Kindern ohnehin schwer genug hattest. Ich hoffe, in absehbarer Zeit wieder für Euch arbeiten zu können. Um mich brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen. Ich bin gesund und auch sonst geht es mir bis auf die unheimliche Sehnsucht nach Dir und den Kindern gut. Ich habe Gelegenheit, meine Kenntnisse nützlich anzuwenden, so dass die Zeit hier für mich nicht verloren ist, im Gegenteil. Um Euch mach ich mir große Sorgen. Was macht vor allem Oma? Hoffentlich kann ich ihr noch einmal vergelten, was sie für mich Gutes getan hat! Grüß von Herzen unsere Großen, die schon fast erwachsen sein werden, die treue Ute, den lieben Ehrhart, der wohl nicht mehr so gut aussehen wird, wie auf meinen Bildern und das mir noch unbekannte Fräulein. Mit tausend heißen Küssen, dein Paps."

Über den Lageralltag wird wenig berichtet, vielleicht weil er zu eintönig und wohl auch zu beschwerlich ist, als dass er zum positiven Erzählen, und nur darum geht es, animieren würde. Bedacht werden muss auch, dass der allgegenwärtige oder zumindest als allgegenwärtig gesehene sowjetische Geheimdienst die Post kontrollierte. Doch ist es bei weitem kein purer Opportunismus, sondern durchaus bewusstes Wollen, die neue Welt, in der Rocholl seit seiner Gefangenschaft lebt, nicht negativ zu zeichnen. Und außerdem war deutliches Wohlverhalten Bedingung für das Erreichen des obersten Ziels aller Gefangenen: eine schnelle Entlassung.
Es ist wohl die eskalierende politische Großwetterlage des beginnenden Kalten Krieges, die dazu führt, dass sich die Sowjetunion von einigen ihrer einstigen Verbündeten im NKFD und BdO trennt. Die genauen Gründe sind bis heute nicht bekannt. Horst Rocholl wird 1948 nicht wie erwartet in die Heimat entlassen, sondern verhaftet. Er teilt damit das Schicksal vieler anderer und auch prominenter Gefangener, wie z. B. General Walther von Seydlitz. Bereits vier Wochen später wird er zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. Dem Militärgericht gilt ohne weitere Untersuchung des Falles seine Schuld als erwiesen. Er wird in ein "Lager mit verschärften Bedingungen" bei Workuta eingewiesen. Auf dem Transportbefehl steht: "geheime Verschlußsache, dem Verhafteten nicht bekanntgeben"[5]

Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich die Vorsitzenden der SED, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, um eine Freilassung von Kriegsgefangenen bei der sowjetischen Führung bemüht. Da diese Frage zu Zeiten des nunmehr Kalten Kriegs jedoch heikel war, geschah dies zumeist in der vertrauten Form kommunistischer Geheimdiplomatie. Viele Ostdeutsche und bereits zurückgekehrte Kriegsgefangene hatten äußerst negative Erfahrungen mit der Roten Armee gemacht und so scheute man in der SBZ/DDR dieses sensible Thema, aus Angst den gesellschaftlichen Diskurs nicht steuern oder beherrschen zu können. Denn auch in Ostdeutschland hatten weite Teile der Bevölkerung erfolgreich verdrängt, dass ohne Hitlers brutalen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, nie ein Rotarmist die Möglichkeit gehabt hätte, die Rote Fahne auf dem Reichstag zu hissen. In den Zeitungen war die Kriegsgefangenenfrage bis 1955 mit wechselnder Intensität stets präsent. Von der Öffentlichkeit allerdings nicht oder kaum wahrnehmbar, arbeitete die DDR-Führung "still, selbstlos und erfolgreich" an der Lösung des Problems, wie Ministerpräsident Otto Grotewohl stolz in der Volkskammer verlautbarte - allerdings erst nach Abschluss des Prozesses 1955 und in Erwiderung auf die Erklärung Konrad Adenauers im Bundestag.[6]
Grundlegend anders war die Situation in der Bundesrepublik. Hier wurde keine Gelegenheit ausgelassen beinahe gebetsmühlenhaft und mit großer Öffentlichkeit die Rückführung der Kriegsgefangenen von der Sowjetunion zu fordern. Doch die propagandistische Behandlung des Themas in der BRD erschwerte eher die Lösung des Problems, was der Bundesregierung bekannt gewesen sein dürfte. Die Kriegsgefangenenfrage war seit Ende der 40er Jahre zu einem politischen Spielball des Kalten Krieges geworden. Die ideologischen Schützengräben waren im Stellungskrieg erstarrt. Da starb am 5. März 1953 der sowjetische Alleinherrscher Stalin. Das nun zaghaft einsetzende Tauwetter erreichte auch die verschneiten Lager der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Die Sowjetunion bezeichnete sie zumeist als Kriegsverurteilte, da sie nach durchaus fragwürdigen Prozessen als Kriegsverbrecher galten. Juristisch war ein Großteil dieser Prozesse mit Sicherheit problematisch, moralisch angesichts der zahllosen von Deutschen in der Sowjetunion verübten Kriegsverbrechen und der unvorstellbaren Zerstörung des Landes durchaus verständlich. Ungezählt sind die Wehrmachtsangehörigen, die im Zweiten Weltkrieg zu Tätern wurden und Kriegsverbrechen begingen. Vor diesem Hintergrund war die Anzahl der noch in der Sowjetunion verbliebenen mehreren Zehntausend Kriegsverurteilten eher gering, angesichts von ca. 3,3 Millionen Kriegsgefangenen. Das ist etwas, was auch Rocholl erkennt, wenn auch diese Erkenntnis für ihn persönlich sehr schmerzlich gewesen sein dürfte. Es zeugt von hoher Integrität und von einer Anerkennung deutscher Schuld ohne wenn und aber, wenn er 1985 rückblickend in einem Beitrag für die Zeitschrift Sputnik schreiben kann:

"Nach dem II. Weltkrieg mit allen durch deutsche begangenen Verbrechen sah ich keinen Anlaß, mich über meine Verurteilung zu beklagen, wenn ich auch der Meinung bin, dass ich von 1948 bis 1953 in der DDR viel Gutes hätte tun können. Mein Untersuchungsrichter in der Butyrskaja sagte zu mir: "Ich weiß nicht ob Sie ein sehr ehrlicher Mensch sind oder ein bewusster Verbrecher. Deshalb werden wir sicherheitshalber eine Freiheitsstrafe verhängen." [7]

Der kriegsverurteilte Arzt wird 1953 vorfristig aus der Lagerhaft entlassen. Seine reguläre Haftzeit wäre erst 1973 vorbei gewesen. Rocholl schreibt zwar am 30.10. 1953 noch einmal ein Statement zu den Vorwürfen, versucht sich zu erklären und damit seine Lage zu verbessern. Aber wahrscheinlich ist das gar nicht mehr notwendig. Die Entscheidung ist woanders bereits gefallen. Das Militärgericht entscheidet über die Entlassung ebenso schnell wie 1948 über die Haft. Bereits am 22. Dezember 1953 wird Horst Rocholl entlassen.
Als er am 30. Dezember 1953 in Frankfurt (Oder) die neue deutsche Ostgrenze überquert, entscheidet er sich, in der DDR zu bleiben. Mit wahrscheinlich dem gleichen Transport kam ein weiterer Wehrmachtsarzt, der ebenfalls 1943 in Stalingrad in Gefangenschaft geraten war, aus der Sowjetunion zurück. Sein Name: Dr. Ottmar Kohler. Er fährt mit dem Zug nur noch ca. 250 km weiter und steigt dann bereits in einer ganz anderen Welt, im niedersächsischen Lager Friedland aus. Beide Ärzte waren in Stalingrad am 2. Februar 1943 in Gefangenschaft gegangen, beide nach dem Krieg zu Zwangsarbeit verurteilt, beide 10 Jahre in sowjetischen Lagern, wo sie sich nach Aussagen Rocholls zweimal begegneten. [8] Beide betreten Ende 1953 wieder deutschen Boden. Doch die Lebensansichten der beiden Ärzte aus Stalingrad könnten nicht unterschiedlicher sein. Und ihre weitere Entwicklung im Nachkriegsdeutschland auch nicht.
Am 4. Oktober 1958 wurde der Bund ehemaliger Stalingradkämpfer e. V. Deutschland gegründet. Dies war in der BRD nichts allzu Besonderes, gab es dort doch zahllose Traditionsvereine verschiedenster Wehrmachtsgliederungen, aber auch von SS-Einheiten, die einem unkritischen Bild des vorgeblich ehrbaren deutschen Soldaten huldigten. Da war die bereits 10 Monate früher erfolgte Gründung der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Offiziere unter maßgeblicher Beteiligung von Stalingradern am 17. Januar in der DDR-Hauptstadt Berlin schon etwas Besonderes. Ottmar Kohler war an der Gründung der westdeutschen Organisation ebenso prominent beteiligt, wie Horst Rocholl an der der ostdeutschen.

Stalingrad war in den 50er Jahren wieder ein Schlachtfeld - diesmal in den unblutigen, aber ebenfalls verbissen geführten ideologischen Schlachten. Von beiden Seiten wurde der Mythos Stalingrad besetzt. [9] Erfolgreich meldete sich 1956 hierzu der Vielschreiber Heinz G. Konsalik zu Wort. Sein Roman Der Arzt von Stalingrad bediente alle postfaschistischen, konservativen und militaristischen Legimitationsversuche der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Virtuos spielt er mit den z. T. uralten rassistischen, kulturellen und politischen Vorurteilen und Ängsten. Der Roman wurde besonders nach seiner Verfilmung [10] 1958 zu einem viel und heftig diskutierten Streitfall zwischen Ost und West und gehört heute zu den meistverkauften deutschsprachigen Büchern. Konsalik verwendet in seinem Roman Teile der Biographie von Dr. Ottmar Kohler, der in der BRD als "Engel von Stalingrad" gefeiert wurde. Doch dies ist lediglich der äußere Bezug. Was an Konsaliks Roman genau authentisch sein soll, bleibt ungeklärt. Tatsache ist, dass bei ihm all die Geschichten, Legenden und Anekdoten vorkommen, die in den 50er Jahren in Zeitungsberichten über den "Engel von Stalingrad" unkritisch kolportiert wurden. Diese "wahren" Geschichten sind allerdings lediglich durch eine einzige Quelle verbürgt: Ottmar Kohler selbst. Es sind zudem Geschichten, die im Laufe der Jahre inhaltliche Wandlungen durchmachten. Das vorgeblich im Roman fiktionalisierte Authentische ist also selbst zumeist reine Fiktion. Rückblickend kann man nur von einer gelungenen Inszenierung sprechen, mit der die mediale Karriere des "Engels von Stalingrad" begann. Konrad Adenauer reiste am 2. Januar 1954 in Begleitung von Staatssekretär Hans Globke, Bischof Theodor Heckel, beide mit hoch problematischer NS-Vergangenheit, und anderen hochrangigen Politikern mit einem Sonderzug nach Friedland, um dort medienwirksam Heimkehrer aus der UdSSR, unter ihnen sein Neffe, Guido Heinze, zu begrüßen. Die Dankesrede hielt der erst drei Tage vorher dem Transportzug entstiegene Ottmar Kohler. Vor der versammelten Presse gaben sich beide die Hand.
Es dauerte nur drei Wochen, bis aus dem zurückgekehrten "woino-plenny" [11] ein hochdekorierter Bürger der Bundesrepublik Deutschland wurde. Am 16. Januar 1954 verlieh ihm Bundespräsident Heuss das Große Verdienstkreuz des Bundesverdienstordens.
Eine andere Begründung aber findet sich in keinem Bericht und keiner Reportage, obwohl sie mehrfach in Heimkehrerakten des Roten Kreuzes auftaucht und auch im Briefwechsel von Kohlers Ehefrau des öfteren erwähnt wird: Kohler habe heimlich SS-Angehörigen die eintätowierte Blutgruppennummer unter dem Arm operativ entfernt.
Ottmar Kohler wird bald nach seiner Rückkehr ein geachteter Arzt, später Chefarzt und ärztlicher Direktor am Städtischen Krankenhaus von Idar-Oberstein. Dies bleibt er bis zu seiner Pensionierung 1973. Im Stalingradbund und anderen "Traditionsvereinen" bleibt er weiterhin aktiv. Noch Mitte der 70er Jahre hält er bei Gedenkfeiern zum Teil wörtlich genau die gleichen Reden wie in den 50ern. So wiederholt er seine Ansprache von 1955 anlässlich der Einweihung des Kriegsdenkmals in Gummersbach leicht gekürzt 1975. Die Briefe und Texte in Kohlers Nachlass [12] lassen ein ungebrochenes deutschnationales Weltbild erkennen. Entspannungspolitik, Abrüstung, Aussöhnung und Ostverträge haben sein vor und im Zweiten Weltkrieg fest gegründetes rechtskonservatives Weltbild nicht erschüttern können.

Auch Horst Rocholl hatte es in der DDR durchaus gut getroffen. Dort war man in jener Zeit über jeden neuen Arzt hoch erfreut und stellte keine Fragen über die Vergangenheit. Zu viele Absolventen der medizinischen Fakultäten der DDR gingen nach dem Examen nicht in die vorgesehene Betriebspraxis eines volkseigenen Betriebes, sondern über die offene Grenze in den Westen. Dies zwingt die DDR nicht nur zu materiellen Kompromissen - Ärzte und andere Intellektuelle werden vergleichsweise gut bezahlt und haben Privilegien - sondern auch zu ideologischen. Rocholl unterhält eine Lungenheilpraxis und wird später Kreisarzt. Politisch ist er in der NDPD aktiv, der er seit 1954 angehört. Sie entsendet ihn in den Kreistag. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhält er 1962 für sein berufliches und gesellschaftliches Engagement den Vaterländischen Verdienstorden. Rocholl bemüht sich im Rahmen seiner Möglichkeiten, die Frage nach den in der Sowjetunion verbliebenen Kriegsverurteilten lösen zu helfen. Wie so oft in seinem Leben interessiert ihn das Schicksal von Kameraden. So schreibt er im Juli 1954 an den Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, einen Brief, dessen Inhalt nur bedingt der offiziellen Sprachregelung der öffentlichen Diskussion des Themas in der DDR entspricht.
Daneben versucht Rocholl durch Artikel in Zeitungen und Zeitschriften ein differenzierteres Bild der deutschen Kriegsgefangenen in den sowjetischen Lagern zu zeichnen, als es in der DDR-Presse gemeinhin üblich ist.

1958 kommt es zu einem letzten, allerdings nur indirekten Kontakt zwischen Stalingradarzt-Ost, Dr. Rocholl und Stalingradarzt-West, Dr. Kohler. Als Zeitzeuge, der mit seiner Biographie für die Ereignisse im Stalingrader Kessel und den Lazaretten der Kriegsgefangenenlager zeugen kann, wird Horst Rocholl gebeten, Roman und Film Der Arzt von Stalingrad kritisch zu besprechen. Er tat dies gern und wohl auch aus Überzeugung. Immerhin hatte er sich bewußt und freiwillig für ein Leben in der DDR entschieden. (Sein Wohnort Neuenhagen liegt im Berliner S-Bahn-Bereich. Eine Fahrt über die offene Grenze bspw. zum Bahnhof Zoo kostete nur 20 Pfennig und dauerte ca. eine Stunde.) Seine fundamentale - aber sehr wohl berechtigte - Kritik an Buch und Film und ihre Verortung in den Konflikten des Kalten Krieges ist also nicht verwunderlich.

Anlässlich des 50. Jahrestages der Schlacht um Stalingrad 1992/93 gibt es ein großes mediales Interesse an den historischen Ereignissen und den Kommentaren von Zeitzeugen. Rocholl gibt Interviews für Fernsehproduktionen und stellt seine Korrespondenz dem Deutschlandfunk für die Sendereihe Feldpostbriefe aus Stalingrad zu Verfügung. [13] In den Jahren danach beginnt er, seinen Nachlass zu ordnen und vor allem seine Feldpostbriefe in selbst gedruckten Broschüren für die Familie, Freunde und Interessierte aufzubereiten. Bereits in den 60er Jahren hatte ihn der Verlag der Nation, der der NDPD nahe stand, Interesse an seinen Memoiren signalisiert. Doch Rocholl sagt nach anfänglichem Interesse ab, zu ungerade scheint ihm wohl sein Lebensweg. In einem Antwortschreiben an den Verlag formuliert er das 1959 wie folgt:

"Wenn ich meine ganze Geschichte schreiben würde, so würde ich damit keinen politischen Nutzen stiften. Vielleicht schreibe ich einmal später, wenn der Antikommunismus nicht mehr auf der Tagesordnung steht." [14]

Dazu ist es nicht mehr gekommen. Dr. Horst Rocholl starb am 1. Januar 2004. Er gehörte zu denjenigen, auf die Bertolt Brecht in seiner Kriegsfibel, die als Titelbild gefangene Wehrmachtssoldaten bei Stalingrad zeigt, einst die große und in diesem Falle auch berechtigte Hoffnung gesetzt hatte, sie würden aus dem Krieg etwas lernen und das so Gelernte auch in einem neuen, friedfertigen Leben umsetzen.

 

[1]Karl Marx/ Friedrich Engels Manifest der Kommunistischen Partei; Berlin (DDR): Dietz 1982, S. 51
[2] Stiftung Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BARCH); Signatur: NY 4554, K1
[3] Wolfgang Fritz Haug Die Faschisierung des bürgerlichen Subjekts. Die Ideologie der gesunden Normalität und die Ausrottungspolitiken im deutschen Faschismus; Berlin (West): Argument 1986, S. 20
[4] zit. nach Cord Pagenstecher Vergessene Opfer; In: Fotogeschichte, 1997/17, S. 64
[5] ebenda
[6] Neues Deutschland, 27.09. 1955
[7] SAPMO-BARCH, NY 4554, K2
[8] SAPMO-BARCH, NY 4554/ Vorl. 19
[9] vgl. Jens Ebert Organisation eines Mythos, In: Feldpostbriefe aus Stalingrad, Wallstein: Göttingen 2003
[10] mit O. E. Hasse, Mario Adorf und Vera Tschechowa, unter der Regie von Geza von Radvani
[11] verballhornt: Kriegsgefangener
[12] Landeshauptarchiv Koblenz, Bestand 700,184
[13] CD Feldpostbriefe aus Stalingrad, Deutschlandradio 2002; als Buch erschienen im Wallstein-Verlag Göttingen 2003
[14] SAPMO-BARCH, NY 4554/ K2