Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Tagung "Schreiben im Krieg - Schreiben vom Krieg":

Feldpost im Zeitalter der Weltkriege. Museum für Kommunikation Berlin, 13.-15. September 2010

In alphabetischer Reihenfolge der Präsentationen

Prof. Dr. Judy Barrett Litoff (Rhode Island/USA):
One American Woman's War in China
The World War II Letters of an American Red Cross Club Director in Yunnan Province

Drawing from the wartime letters of Rita Pilkey, an American Red Cross Club Director stationed in China's Yunnan Province from January 1944 until August 1945, this paper provides a fresh lens with which to view the challenges and opportunities encountered by Chinese and Americans as they worked together to put an end to Japanese aggression in East Asia.
The letters of Rita Pilkey are part of an archive of 30,000 wartime letters written by American women, both civilian and military, that I have identified and collected over the past two decades. These letters provide clear and unequivocal evidence of the many important ways that women actively participated in the war effort, and they vividly illustrate women's growing sense of self and their place in the world. For additional information about the U.S. Women and Letter Writing Project, go to http://digitalcommons.bryant.edu/ww2letters
Pilkey's first assignment at the U.S. Army Field Artillery Training Center, twelve miles outside of Kunming, provided her with the opportunity to experience the training of Chinese soldiers in modern artillery warfare who would play a critical role in the Salween campaign and the reopening of an overland supply route from India to China in early 1945. Her second assignment at Luliang, eighty miles southeast of Kunming, brought her to a remote airfield where the roar of bomber, fighter, and transport aircraft was a constant reminder of the war that was raging nearby. Indeed, the Pilkey letters are an excellent example of how women's wartime correspondence offers perceptive insights into heretofore unexplored, but fundamental, aspects of the Second World War.

Dr. Petra Bopp (Jena) und Sandra Starke (Dresden):
Ich lege dir ein paar Bilder bei, [...] Feldpost und Fotografie von Fritz Bopp und Theodor Groß

Von Fritz Bopp und Theodor Groß (Name anonymisiert) sind uns durch ihre Nachkommen nicht nur Fotoalben für die Ausstellung Fremde im Visier zur Verfügung gestellt worden, sondern beide haben auch umfangreiche Feldpost-Konvolute hinterlassen. In dieser Kombination ergeben diese beiden Sammlungen eine dichte mediale Kriegserzählung. Groß und Bopp gehen von strukturell verschiedenen Bedingungen aus und gehen mit ihrer schriftlichen und fotografischen Praxis unterschiedlich um.
Bopp war Meldefahrer in einem Panzerregiment und später auf der Schreibstube an der Ostfront eingesetzt. Obwohl er Angst vor militärischer Zensur zu haben schien, beschrieb er in den fast täglichen Briefen an seine Frau Anna sehr präzise die oft dramatischen Situationen und verschwieg auch nicht, dass er selbst Gegner tötete. Häufig legte er den Briefen Fotos bei, die er kommentierte. Einige hatte er selbst aufgenommen, viele stammten von Kameraden. Nach dem Krieg klebte sein Sohn Helmut Bopp die Fotos in ein Album und beschriftete es nach den rückseitigen Kommentierungen. Groß war als Offizier in Norwegen, im Baltikum und in der Sowjetunion eingesetzt. Der ambitionierte Amateur fotografierte selbst mit einer Leica, vorwiegend Landschaft und Architektur. Auch er nahm ermordete Partisanen ins Visier, das Foto wurde jedoch aus dem Album entfernt; zurück blieb die fein säuberliche Bildunterschrift: "Erschossene Partisanen in Pleskau".
Für den Vortrag interessiert uns methodisch ein historischer Vergleich der beiden Feldpost-Foto-Konvolute, der in Bezug auf Biographie, militärischen Status, Feldpost und Foto-Praxis die Fragen nach der Wahrnehmung der besetzten Länder und ihrer Menschen sowie der Selbstsicht der deutschen Soldaten stellt. Besonders die Charakteristika der schriftlichen und visuellen Medien Feldpost und Fotografie und ihre gegenseitigen Bezüge, Interpretationen und Leerstellen sollen hierbei beleuchtet werden.

Dr. Denis Bousch (Paris):
Kriegsroman und Feldpost, Kriegsroman statt Feldpost? Französischsprachige Romane über die zwangseingezogenen Elsässer und Lothringer im Zweiten Weltkrieg.

Anhand von Beispielen aktueller historischer Romane in Frankreich, die sich mit der Problematik der zwangseingezogenen Elsässer und Lothringer in der deutschen Wehrmacht befassen, soll analysiert werden, inwiefern das Thema Feldpost zur Sprache kommt.
Die Geschichte dieser Zwangseingezogenen, in Frankreich "malgré-nous" genannt, erfährt seit dem Jahre 2000 ein neues Interesse in der Öffentlichkeit, was sich vor allem in historischen Romanen niederschlägt, deren Autoren nicht zur Generation der Zeitzeugen gehören. In den Nachkriegsjahren erschienen hingegen nur Berichte ehemaliger Soldaten, und diese noch sehr spärlich. Bis in die 80er Jahre wurde das Thema wenig angesprochen und blieb für die breite Öffentlichkeit in Frankreich suspekt. Die Betroffenen selber blieben äußerst diskret. Die Kommunikation darüber blieb mündliche Familiengeschichte und ging über die lokale Ebene nicht hinaus. Durch die Entschädigung der Betroffenen seitens der Bundesrepublik Anfang der 80er Jahre wurde das Thema einer breiteren Öffentlichkeit jedoch bewusster.
Die Thematik der Kommunikation mit der Familie spielt eine herausragende Rolle in diesen Romanen, da es nicht nur um Familienbande geht, sondern auch um die Auseinandersetzung mit einer Art von "deutsch-französischer Doppelkultur", die im Kontext des Krieges zum schmerzlichen Leitfaden wirkt. Es soll also auch dargelegt werden, inwiefern individuelle Feldpostbriefe von den Autoren als Ausgangsbasis benutzt oder eingearbeitet wurden. Setzt das Medium des Romans hier Authentisches um oder werden zum Beispiel fiktive Briefe eingesetzt? Wie geht der Verfasser mit dem Dilemma der Kommunikation bei Soldaten um, die sich als verschleppte, und zweisprachige, Franzosen fühlen?
Parallel zu dieser fiktionalen Verarbeitung wurden auch einige wenige individuelle Briefsammlungen in Frankreich veröffentlicht, die auch kurz präsentiert werden sollen.

Dr. Rüdiger von Dehn (Wuppertal):
"Und wirklich der Feind hat einen heillosen Respect vor den deutschen Soldaten..:" Feldpost deutscher Auswanderer im Amerikanischen Bürgerkrieg 1861-1865

"Laßt mich zu Euch von etwas anderem reden als von dem ewigen Schlachten u Morden, ich möchte so viele sagen und nun ichs schreiben will fehlts mir an Gedanken." Die Worte des Corporals Wilhelm Albrechts aus dem Jahr 1864 lassen bereits erahnen, dass der Amerikanische Bürgerkrieg, in dem er kämpfte, sein Leben verändert hatte. Der einstige mecklenburgische Barbier war 1861 in die USA gekommen. Noch im Hafen von New York hatte er sich von der Unionsarmee zum Krieg gegen den rebellischen Süden anwerben und gewinnen lassen. En détail spiegeln seine Briefe den militärischen Verlauf des Schlachtgeschehens wider. Selbstzeugnisse seiner Kameraden beschreiben die eigenen Ängste um die wirtschaftliche Zukunft der eigenen Farm bzw. des eigenen Betriebes - sei es auf Unionsseite oder auf dem Boden der abtrünnigen Südstaaten. Die Liebe zur Familie ist ein weiteres Thema.
Die heute vorliegende deutsche Feldpostkorrespondenz aus den Jahren des Amerikanischen Bürgerkriegs bietet ein wenig bekanntes Quellenpotential zur Erschließung der Jahre 1861-1865. Die Briefe sind als Individualmedien zu betrachten, deren Inhalt nicht von der Zensur beeinträchtigt worden sind. So erlauben sie den Einblick in drei unterschiedliche Themenfelder der U.S.-amerikanischen Geschichte. Vorneweg ist die Historiographie der deutschen Einwanderung zu nennen. Anhand der Briefe lassen sich die Strapazen der Reise in die USA sowie die ersten Eindrücke von der "Neuen Welt" nachvollziehen, die schon bald durch das Kriegsgeschehen überlagert werden.
Des Weiteren lässt sich zeigen, inwieweit die deutschen Einwanderer schon bald in den Status des "Citizen Soldier" aufsteigen. In den Briefen an Verwandte und Freunde machen sie deutlich, dass dieser Waffengang zwischen Nord und Süd zu "ihrem" Krieg geworden ist. Die meisten Schreibenden identifizieren sich schnell mit dem Kriegsziel des Nordens (Erhalt der Union und Befreiung der Sklaven) oder mit dem Existenzkampf des Südens. Dies zeigt, dass sie es verstanden haben, sich in die U.S.-Gesellschaft(en) zu integrieren. Andere wiederum interessiert es gar nicht, wofür sie kämpfen. Abenteuerlust und die Hoffnung auf eine wirtschaftliche Besserstellung scheint sie in die Reihen der Armeen getrieben zu haben. Entscheidend ist und bleibt, dass ein jeder für seine Idee vom American Dream in den Krieg zieht, was die Vereinigten Staaten von Amerika sein könnten und sollten. So wird die Feldpost dieser Jahre zum Medium transatlantischer Geschichtsschreibung. Als solche gilt es sie im Vortrag schlussendlich zu reflektieren.

Dr. Veit Didczuneit (Berlin)
Museum und Feldpost. Vom Reichspostmuseum zum Museum für Kommunikation Berlin.

Das Museum für Kommunikation Berlin als Veranstalter der Feldpostkonferenz verfügt über die größte erschlossene Sammlung von deutschen Feldpostbriefen und baut diesen Bestand weiter aktiv aus. Der Beitrag stellt die umfangreiche museale Sammlungs- und Präsentationsgeschichte sowohl von Feldpostbriefen und -karten als auch von institutionellen Feldpostobjekten seit Gründung des Museums 1872 als erstes Postmuseum der Welt bis zum Wandel zum Museum für Kommunikation vor. Die im Zusammenhang mit diesem Paradigmenwechsel erfolgte Deutungserweiterung von Feldpostbriefen als philatelistische Exponate und institutionelle Illustrationsobjekte und als historische Quellen und Erinnerungszeugnisse vergrößerte den Stellenwert von Feldpost im Museum und führte dazu, dass die Feldpostbriefsammlung der von der Öffentlichkeit am meisten nachgefragte Museumsbestand ist.

PD Dr. Hajo Diekmannshenke (Koblenz):
Feldpostbriefe als linguistischer Forschungsgegenstand

Während die Zahl der linguistischen Arbeiten zur Briefkommunikation allgemein und zu einzelnen Briefsorten wie dem Liebesbrief, dem Beschwerdebrief oder auch dem Erpresserbrief recht umfangreich ausfällt, haben Feldpostbriefe in der Linguistik bislang wenig Aufmerksamkeit erfahren. Möglicherweise werden diese Briefe, von denen während des Zweiten Weltkriegs von der deutschen Feldpost geschätzt allein etwa 40 Milliarden transportiert wurden, vor allem als historische Quelle und weniger als sprachwissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand gesehen. Dieses ‚Schicksal' teilen Feldpostbriefe mit vielen Ausprägungen von Alltagsschriftlichkeit wie Postkarten (die auch in Form von Feldpostkarten verschickt wurden), Tagebüchern oder auch Vorlesungsmitschriften. Erst in jüngster Zeit haben diese weitverbreiteten Textsorten wenigstens teilweise größere Aufmerksamkeit erfahren. Das spezifische linguistische Interesse an Feldpostbriefen richtet sich zum einen auf die spezifischen Kommunikationsbedingungen und deren Auswirkungen auf den jeweiligen einzelnen Brief. Damit ist einerseits die besondere Situation des Krieges für die Soldaten und ihre Angehörigen allgemein (weite räumliche Trennung über einen langen Zeitraum, existentielle Gefahr usw.), andererseits aber auch die Rolle der Zensur im Besonderen gemeint. Unter diesen Bedingungen entwickeln die meisten der ansonsten eher ungeübten Schreiber sprachliche Strategien, die eine spezifische Ausprägung der Krisenkommunikation aufweisen. Während die grausame Realität des Krieges, vor allem an der Ostfront, in aller Regel ausgeblendet wird, lässt sich in vielen Briefen stattdessen der Versuch beobachten, mit Bezug vor allem auf Vergangenes, aber auch im Vorgriff auf Zukünftiges mit den Daheimgebliebenen und besonders der Ehefrau "sprachliche Normalität" zu inszenieren, um die durch die äußeren Bedingungen gefährdete Partnerbeziehung aufrecht zu erhalten. Anhand ausgewählter Beispiele soll diese kommunikative Strategie untersucht und nachgewiesen werden.

Prof. Dr. Snezhana Dimitrova (Blagoevgrad/BG):
Of the other Archives, Documents, Witnesses. The Great War soldier's letters

This paper aims at discussing the problem concerned with the way of archiving 'what happens then to me' or what means 'to bear witness to' and its document through the analysis of soldier's letters as the Great War phenomena. It basis on the collection of Bulgarian private collections of soldier's letters (deposit at the regional archives, dispersed letters within different private archives), of the journals and Censorships department documentation. Its basic theoretical point is the position articulated by M. Mamardashvili "why the Great War is still modern as if the world is concentrated in one point" so what of this experience is still affecting and producing the feelings of concerning with and troubling about, on the one hand; on the other it is tackling to Benjamin's both observation about the impoverishment of solder coming back (the incommunicable of the experience, as if faculty of sharing the experience as inner of the human is challenged) and the difference between the chronics (to set the event in the incomprehensible world) and histories (to interpret and explain) to whether they deal with the ethical position of soldier writing letters.
So this paper tries through the analysis of these letters to discuss what kind of representative form of horror, of unbearable experience they return to within this newly constructed reality: war correspondence; what does it mean 'as shot by my own eyes', 'he sees what it is' and then what and how they relate to the war's facts and how this fact refers to the reality and what reality; thus the problem about the witness-document-reality is to be deduced and argued in away to rethink what is at stake of battling for the legacy of war experience. And so I would be urged on facing with the problem of trace (left impress of the event) through which the past could be enacted and why and how? And thus designed research is to argue for the different visions of history could be articulated by such microarchives (without misplacing the ongoing debate on the impossibility of witnessing, limits of representations and microhistory's approach to the reality without inverted commas) and then for some ways of 'opening the archives' of Great war (nevertheless always thought to be open and accessible for historians).

Dr. Jens Ebert (Berlin):
Feldpostmythen: Ärzte in Stalingrad

Als die Schlacht um Stalingrad am 2. Februar 1943 beendet war, hatte der Kampf um ihre Deutung und Wertung gerade erst begonnen. Von Anfang an wurde die Schlacht mit mythischen Begriffen verbunden. Zur Befestigung und Legitimierung dieser Mythen griff man oft und gern auf authentische Texte zurück, zumeist Feldpostbriefe. Einer der Mythen ist der vom "Opfer von Stalingrad", eng verbunden mit der Erzählung vom heroisch helfenden Arzt.
Der erste größere und prägende Text über die Schlacht war der Roman "Stalingrad" von Theodor Plievier, der im sowjetischen Exil 1943 entstand und nach Kriegsende in allen Besatzungszonen verlegt wurde. Der Roman entstand nach der Auswertung zahlloser erbeuteter Feldpostbriefe, die dem Autor von der Roten Armee zur Verfügung gestellt worden waren. Doch die Arztfigur in diesem dem nationalsozialistischen Terrorregime und seiner Generalität kritisch gegenüberstehenden Roman machte in Deutschland keine Karriere. Dies war der konkurrenzlosen Romanfigur von Konsalik vorbehalten. Eben "DER Arzt von Stalingrad". Auch dieser Roman beruft sich auf authentische Quellen, auf die Biographie und die Äußerungen des Arztes Dr. Otmar Kohler. Und in der Tat ist auch Konsalik, wie Plievier nahe an den Bildern, die aus dem Stalingrader Kessel in Feldpostbriefen die Heimat erreichten: nur dass er sie ideologisch transformiert und in das Lager des Kriegsgegners projiziert.
Die widersprüchlichen Erfahrungen in dem an Irrwegen und Missdeutungen reichen 20. Jahrhundert spiegeln sich auf eine ganz eigene Weise in den Feldpostbriefen des Regimentsarztes Dr. Horst Rocholl wider, die mit den literarischen Mythen in Beziehung gesetzt werden. Der Opfer- und der Arztmythos sind bis heute auf vielfältige Art umstrittene Teile des gesellschaftlichen Diskurses über Stalingrad, gerade auch im modernen Infotainment.

Prof. Dr. Christa Ehrmann-Hämmerle (Wien):
Entzweite Beziehungen?
Forschungen zur Feldpost aus frauen- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive

Ausgehend von der kritischen Einschätzung, dass Feldpostbriefe ohne Augenmerk auf die Kategorie Geschlecht nicht adäquat ausgewertet werden können, möchte ich in meinem Beitrag einen kurzen Aufriss der auf dieser Quellengattung basierenden einschlägigen Forschungen zu den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts versuchen. Dabei wird es - mehr in Form von Thesen denn mit dem Anspruch auf eine umfassende Darlegung des Status Quo - auch um das große heuristische Potential dieser von spezifischen Überlieferungslücken determinierten Quellengattung für eine "Front" und "Heimatfront" gleichermaßen integrierende historische Perspektive gehen. Wo steht die Forschung dazu heute, und wohin könnte sie gehen, wenn die vielfach noch "entzweiten Beziehungen" zwischen dem breiten Spektrum der neueren Weltkriegsforschung einerseits, und den Theoremen der Frauen- und Geschlechtergeschichte andererseits aufgehoben wird?
Zweitens will ich einige Überlegungen dazu anstellen, wie die auf Feldpost basierende Analyse von (Liebes-)Beziehungen zwischen - kriegsbedingt häufig über mehrere Jahre getrennten - Männern und Frauen konzeptualisiert sein könnte. Unabdingbar hierfür scheint, abgesehen von der Verwendung eines offenen Liebesbegriffs, wie er derzeit im Rahmen eines in Wien durchgeführten Projekts zu Paarkorrespondenzen des späten 19. und 20. Jahrhunderts erprobt wird, auch die Integration von Kategorien wie Alter und Stand, Konflikt und Gewalt, Todeserleben und Angst etc., sowie ein besonderes Augenmerk auf die vielschichtigen kriegsbedingten Veränderungen der Geschlechternormen und -beziehungen; gerade in Bezug auf Letzteres hat die Forschung teilweise sehr verschiedene Einschätzungen entwickelt und dem Krieg eine mehr oder weniger weitreichende Katalysatorwirkung für einen immer wieder konstatierten "Geschlechterkampf" zugewiesen.

Prof. Dr. Gerhard Engel (Berlin):
Schreiben im Krieg - Schreiben gegen den Krieg. Linkssozialdemokratische Feldpost im Ersten Weltkrieg

Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg sind in großer Zahl gesammelt, ediert und Gegenstand der Alltags-, Sozial-, Wirtschafts-, Mentalitäts- und Verhaltensforschung für eine Geschichte des Krieges "von unten" geworden. Zumeist handelt es sich bei diesen Briefen um innerfamiliäre Privatkorrespondenz. Erst in Ansätzen haben Historiker Feldpostbriefe als Quelle für die Erforschung politischer Haltungen der Soldaten genutzt (z.B. Peter Knoch, Bernd Ulrich, Wolfram Wette, Wolfgang Kruse, Benjamin Ziemann). Im Unterschied zur "Familienpost" zeigen Briefwechsel zwischen organisierten Sozialdemokraten an der Front und zwischen ihnen mit Gleichgesinnten in der Heimat nicht nur das für alle Feldpost Charakteristische, sondern sie sind zugleich Quellen mit Ergiebigkeit für die Geschichte der Arbeiterbewegung. Solche Briefe sind von geschulten, gebildeten jungen Arbeitern geschrieben. Sie geben ihre Kriegswahrnehmung, ihre Debatten über Politik und Gesellschaft im Kriege sowie über die Perspektiven der Arbeiterbewegung wieder. Das ist die Fortsetzung der vor dem Kriege begonnenen, nun nicht mehr in politischen Versammlungen und Bildungszirkeln möglichen Kommunikation zwischen Freunden, deren Bindungen durch die sozialdemokratische Jugend- bzw. die Naturfreundebewegung geprägt waren. Sie sind Teil der innersozialdemokratischen Diskussion über das Verhalten der SPD-Reichstagsfraktion bei Kriegsbeginn und des damit zur Entscheidung drängenden Spaltungsprozesses in der Arbeiterbewegung. Sie sind zugleich Zeugnisse für die Einbindung von Frontsoldaten in den sich entwickelnden Widerstand gegen den Krieg. Sachverhalte und Aspekte werden anhand von Briefen junger Stuttgarter und Bremer Sozialdemokraten erörtert.

MA Heike Frey (München):
"… aber es war mal eine Abwechslung" Truppenbetreuung im Spiegel von Feldpostbriefen

Das im CFP zur Tagung konstatierte auffallend geringe Interesse an wissenschaftlich-analytischer Auseinandersetzung mit Feldpostdokumenten hängt sicherlich unter anderem damit zusammen, dass die überbordende Fülle des Materials eine umfassende Analyse des Bestands schier unmöglich macht. So haftet der Beschäftigung mit Feldpost unter einem spezifischen thematischen Fokus leicht ein gewisser Ruch des Illustrativen, des Eklektizismus und der willkürlichen Selektivität an. Allerdings stellt die Vielzahl der Belege ein Korrektiv dar, das die Subjektivität der Aussagen zu entschärfen vermag. Feldpostbriefe sind einzigartige Dokumente, die Einblicke in die Wahrnehmung der Lebensbedingungen der Soldaten im Ausnahmezustand Krieg gewähren. Auch vermag die Heranziehung dieser Zeugnisse und ihre Spiegelung an anderen Quellen manche Diskrepanz zwischen ideologisch gesättigtem Anspruch und der Schilderung einer zuweilen recht profanen Alltagsrealität zu erhellen.
In meinem Beitrag möchte ich mich mit Berichten über Truppenbetreuung in Feldpostbriefen von Wehrmachtangehörigen auseinandersetzen. Sowohl die zivile als auch die militärische Führung im nationalsozialistischen Deutschland erachtete unzureichende Propaganda und Indoktrination während des Ersten Weltkriegs als maßgebliche Ursache für die Niederlage des Deutschen Reichs 1918. Es herrschte die Überzeugung, die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung und vor allem der Soldaten sowie die gravierenden Zerfallserscheinungen in der Etappe wären mit gezielter ideologischer Ausrichtung und Betreuung zu vermeiden gewesen. Aus dieser Einschätzung resultierte der hohe Stellenwert, der einer planvollen und umfassenden Truppenbetreuung beigemessen wurde. Die Maßnahmen zur Truppenbetreuung waren ausgesprochen vielfältig. Sie umfassten Gastspiele großer Theater- und Opernhäuser, Sinfoniekonzerte, Bauerntheater und andere Wanderbühnen, Varieté-Gruppen, Kleinkunst-Bühnen mit Programmen aus der Tradition der Volkssänger-Unterhaltung, Kabarettisten, Alleinunterhalter, Zauberer, Akrobaten, Streichquartette und Pianisten, Vortragsreisende, Rezitatoren, Puppenspielbühnen, Filmvorführungen mit Spielfilmen, Wochenschauen, Lehrfilmen oder Propagandastreifen, Heimatabende mit Volksliedern und -tänzen von HJ- und BDM-Spielscharen, die Versorgung mit Notenmaterial, Büchern, Bastelanleitungen, Spielen, Musikinstrumenten, Grammophonen und Schallplatten, Soldatenblätter mit Anregungen zur Freizeitgestaltung, Frontzeitungen und am allerwichtigsten: Rundfunkgeräte, um die Reichsrundfunk- und Soldatensender hören zu können. Zielvorgabe war es, möglichst jedem Soldaten alle zwei Wochen eine Veranstaltung anbieten zu können. Das erwies sich allerdings als utopisch, sowohl in Bezug auf die Frequenz als auch im Hinblick auf eine gleichmäßige Versorgung aller Gebiete.
In offiziellen Verlautbarungen wurden gehäuft die so genannten "Klassiker" - in der Musik Bach, Mozart, Beethoven, in der Literatur Goethe und Schiller - angeführt, um die angebliche Überlegenheit der germanischen Rasse zu fundieren. Andererseits konstatierten Erhebungen immer wieder das starke Bedürfnis der Wehrmachtangehörigen nach heiterer Unterhaltung. Wie schildern die Soldaten die unterschiedlichen Unterhaltungsangebote in ihren Briefen? Wie nahmen sie als Adressaten der Maßnahmen das Gebotene wahr?

Dr. Sabine Grenz (Berlin):
Feldpostbriefe, die nie versandt wurden: Tagebücher aus dem Nationalsozialismus

Tagebücher hatten während des Nationalsozialismus in Deutschland ebenso Konjunktur wie Feldpostbriefe. Insbesondere in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Da manche Menschen kriegsbedingt den Kontakt zueinander verloren, etwa weil Wehrmachtsoldaten in Kriegsgefangenschaft geraten und vermisst waren, begannen einige an der so genannten Heimatfront Brieftagebücher zu schreiben. Für Tagebücher gilt das gleiche wie für die Feldpostbriefe: Es gibt zunehmen Editionen, aber nur wenige analytische Arbeiten dazu. Brieftagebücher stellen eine besondere Gattung der Tagebücher dar. Denn Tagebücher sind in ihren Formaten sehr uneinheitlich. Brieftagebücher orientieren sich jedoch durchweg an der Briefform. Sie erzählen in der Regel umfassender, weil sie ganz bewusst auf Kommunikation ausgerichtet sind.
Sie sind im Zusammenhang mit der Feldpost auch deshalb von Bedeutung, weil sie häufig von Frauen verfasst wurden und weniger Feldpostbriefe an die Front erhalten geblieben sind als von der Front. In diesen Brieftagebüchern schildern die Frauen ihren Männern den zunehmend präsenten Krieg und die Besatzung der "Heimatfront". In ihnen spielen Vorstellungen über die sich im Krieg befindliche Volksgemeinschaft eine große Rolle. Die darin enthaltenen Gemeinschaftsbegriffe reichen von der nationalsozialistischen Propaganda zu sehr privaten und familiären Begriffen von Gemeinschaft. Die verschiedenen Beziehungsebenen und die den Gemeinschaftsbegriffen zugrunde liegenden Geschlechterkonstruktionen sollen in diesem Vortrag anhand einiger Beispiele erläutert werden.
Bemerkenswert ist, dass aus allen mir zur Verfügung stehenden Tagebüchern eine große Intimität spricht. Denn im Vordergrund steht dabei immer die Beziehung zum abwesenden Ehemann. Ihm sollte weiter berichtet werden und in imaginärer Kommunikation wurde mit ihm gemeinsam über die Geschehnisse reflektiert. Während der Krieg noch im Gange ist, geht es häufig um die Angst vor dem Feind und der Zukunft. Während der militärischen Besatzung geht es stärker um Reflektionen des Vergangenen, etwa über die eigene latente Komplizenschaft mit dem nationalsozialistischen Regime. Aber auch das nach wie vor überzeugte Festhalten an nationalsozialistischer Ideologie ist darin festgehalten. Leider ist nicht bekannt, ob die Adressaten die Brieftagebücher je gelesen haben und falls ja, wie sie darauf reagierten. Daher konzentriert sich dieser Vortrag auf die Sichtweise der Frauen an der "Heimatfront".

MA Sebastian Haak (Erfurt):
Schreiben über die Faszination des Krieges. Über eine (verdrängte) Wahrnehmungen des Tötens und Sterbens in den Briefen US-amerikanischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Die Schrecken des Zweiten Krieges kommen in diesen Tagen in Gestalt eines ARD-Dreiteilers in deutsche Wohnzimmer. In bewegenden Bildern stellt die Dokumentation "Der Krieg" die Grausamkeiten des Tötens und Sterbens heraus, die durch künstlerische Elemente, wie aufwändiges Nachkolorieren, noch emotional verstärkt werden. Was populärwissenschaftliche (oder sind es "nur" künstlerische?) Darstellungen wie diese ausblenden: Die Männer und Frauen, die den Krieg auf deutscher wie auch auf alliierter Seite führten, erlebten während des Krieges nicht nur schreckliche Momente. Nicht selten erlebten Soldaten an und hinter der Front, vor, während und nach dem Gefecht auch Momente der Freude und des Glücks. Für viele von ihnen war der Krieg das Abenteuer ihres Lebens - und gerade Feldbriefe können helfen, diese Facette der Wahrnehmung des Krieges herauszuarbeiten, die in Europa (aber wesentlich weniger in den USA) in der öffentlichen Wahrnehmung von Krieg verdrängt wurde und wird. In meinem Vortrag möchte ich mit Hilfe von Feldbriefen von GIs diese andere Seite der Kriegswahrnehmung herausarbeiten und dabei zeigen, welche Bedeutung Feldpostbriefen in der kulturhistorischen beziehungsweise kulturwissenschaftlichen Forschung zukommen kann: So möchte ich neben einer empirischen Analyse ausgewählter Briefe einerseits zwar auf die unbestreitbaren quellenkritischen Nachteile von Feldbriefen eingehen; andererseits aber besonders herausarbeiten wollen, welches Potenzial in ihnen schlummert, geben sie doch den Blick auf eine Wahrnehmung der Vergangenheit frei, die eben nicht durch gegenwärtige Phänomene sozialer Erwünschtheit gefiltert wird. Die von mir zu betrachtenden Briefe von Männern und Frauen stammen aus verschiedenen editierten Briefsammlungen, die ich auch für ein Kapitel meines laufenden Dissertationsprojekts zur Wahrnehmung und Interpretation von Krieg in den USA nach 1945 nutze. Eine interdisziplinäre Diskussion der oben beschrieben Facette von Krieg und Feldpostforschung bietet ferner die Möglichkeit zu fragen, inwieweit sich Feldbriefe zur Analyse von Emotionen eignen, ist die Wahrnehmung und Bedeutungszuschreibung von Krieg doch an die Wiedergabe starker Gefühle gekoppelt.

Dipl. Päd. Christian Heuer (Freiburg):
Feldpost und Erzählung - "Unentdeckte" Potentiale für das historische Lernen

Heutzutage die Quellengattung der Feldpost immer noch als eine "unentdeckte" zu bezeichnen, käme einem Anachronismus gleich. Eine Fülle von theoretischen Aufsätzen, Monografien und Sammelwerken sind seit der Entdeckung Mitte der achtziger Jahre erschienen, dazu kommen die zahllosen Editionen und Anthologien der Briefe des "einfachen Soldaten". Auch für den Geschichtsunterricht und das historische Lernen in Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen gilt längst nicht mehr, dass die Perspektive des "kleinen Mannes" hinter "Strategien, Statistiken und Zahlen" (Knoch 1986) verschwindet. Kaum ein Schulbuch verzichtet auf die Faszination und scheinbare Authentizität der Quellengattung Feldpost und auch der vielgestaltige "Geschichtsmarkt" hat die Wirkmächtigkeit der Feldpost erkannt. Dennoch bleibt die Behandlung der Feldpostbriefe im Kontext von historischen Lernprozessen zumeist auf einer rein illustrativen Verwendung bereits bekannter Inhalte stehen. Die Selbstthematisierung der so genannten "Zeitzeugen" oder "Augenzeugen" in den Feldpostbriefen werden im Schulbuch zum Ausgangspunkt der Suggestion von Authentizität und Faktizität. Gerade durch den expliziten Verweis auf die scheinbar verbürgte Echtheit der erinnerten Erlebnisse durch das "explizite Selbst", generieren sich diese Manifestationen zur Quelle historischer Erkenntnis. Die Selbstthematisierung eines Autors oder einer Autorin wird zum Authentizitätsnachweis per se: "Ich war dabei, so ist es gewesen!" (Augenzeuge und Ohrenzeuge). Auffallend jedoch ist, dass in den untersuchten Schulbüchern gerade dieses "Ich" nur selten auftaucht. Hier wird die "Falle der Subjektivität" dadurch umgangen, dass in der Regel hauptsächlich Schilderungen äußerer Gegebenheiten (zeitschildernd) zitiert werden und sich Autorentext und Quellenteil gegenseitig stützen. Die Suggestion von Authentizität vollzieht sich durch den vorangestellten Zusatztext (Feldpostbriefe als "Authentizitätssignal"). Die Feldpostbriefe in Schulbüchern dienen - analog zur Verwendung in anderen Medien der Geschichtskultur - in erster Linie als "Faktensteinbruch". Es herrscht eine Reduktion auf Inhalte, auf "das Gemeinte", d. h. also auf ihre referentielle Dimension vor. In der Regel werden diese auf vorgefertigte Hypothesen hin illustrativ angewendet und zur Illustration und Suggestion von Faktizität und Authentizität der Darstellung in Anspruch genommen (Feldpostbriefe als Illustration).
Im Kontext ihrer Verwendung im Schulbuch wird bei den Feldpostbriefen die Unterscheidung von Darstellung und Quelle in der Regel nicht thematisiert. Hier werden die verwendeten lebensgeschichtlichen Erzählungen als Quellen und nicht als Darstellungen (konstruierte, weil erinnerte Geschichten) der vergangenen Ereignisse - besser wohl als Objektivationen eines kulturell und sozial geprägten autobiographischen Gedächtnisses, d. h. eben als "fertige Geschichten" - zitiert. Vor dem Hintergrund einer fachspezifischen Gattungskompetenz als zentrale zu fördernde Teilkompetenz historischen Denkens und als elementare Grundlage methodengerechten Arbeitens ist dies ein Ergebnis, das besondere Beachtung verdienen würde. Nur selten wird zur Arbeit bzw. zur Auseinandersetzung mit diesen konstruierten Erinnerungen als Quellen für Sinnzuweisungen und Deutungsmuster im Schulbuch durch Arbeitsaufträge aufgefordert. Kompetenzorientiertes historisches Lernen aber ist in der ersten Linie abhängig von einer fachspezifischen und längerfristig angelegten Aufgabenkultur. Nur in wenigen Ausnahmen (Methodenseiten zum Brief, Feldpostbrief als Quelle) wird das Lernpotential der Ego-Dokumente als Dokumente des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses und als Quellen für die Erinnerungsgeschichte bestimmter Gruppen und Erinnerungsgemeinschaften herangezogen, bei der das sich erinnernde Gegenwarts-Ich im Vordergrund der Analyse steht.
Im Vortrag soll dieser geschichtskulturelle Umgang mit Feldpostbriefen im Schulbuch anhand der erwähnten Kategorien und Beispielen aus geschichtsdidaktischer Perspektive problematisiert werden, um daraus - in Anlehnung an neuere erzähltheoretisch-orientierte und kulturwissenschaftliche Konzeptionen - Potentiale für ein zeitgemäßes d.h. kompetenzorientiertes historisches Lehren und Lernen zu abzuleiten.

Prof. Dr. Gerhard Hirschfeld (Stuttgart):
Ego-Dokumente (Feldpost) und die neue Kulturgeschichte der Weltkriege im 20. Jahrhundert

Der Vortrag erörtert den mehr zitierten als kritisch reflektierten Paradigmenwechsel in der Geschichtsschreibung zu den beiden Weltkriegen seit Mitte der 1980er Jahre. Mit der (Wieder)Entdeckung des methodischen Ansatzes einer "Alltagsgeschichte" als "Geschichte von unten" richtete sich das Interesse der zumeist jüngeren Weltkriegsforscher/Innen dezidiert auf den "Krieg des kleinen Mannes" sowie das sogenannte Kriegserlebnis der "einfachen Leute". Entscheidend für die Beschäftigung mit Kriegsalltag, Mentalitäten und den Erlebnissen der Menschen (an der Front wie in der Heimat) war ein ständig sich erweiternder Umgang mit den Quellen: mit Tagebüchern und Erinnerungen, mit Front- und Soldatenzeitungen, mit Bildern und Fotografien sowie vor allem mit den Kriegsbriefen, der sogenannten Feldpost. Vor allem die Entdeckung der Soldatenbriefe als einer "popularen Quelle" (Peter Knoch) erwies sich dabei als eine wichtige Voraussetzung für die "Erforschung der populären Kultur und der totalen Mobilisierung unter den Bedingungen industrieller Kriegführung" (Aribert Reimann).
Allerdings war die Hereinnahme der Feldpost in den cultural turn der Weltkriegsforschung nicht unumstritten. So lautete etwa ein Einwand, dass sich "Kriegsbriefe auch für die unterschiedlichsten Zwecke instrumentalisieren lassen" (Wolfgang. J. Mommsen). Zu fragen ist ferner nach dem wissenschaftlichen Ertrag einer mittlerweile jahrzehntelangen Befassung mit den "popularen" Quellen ebenso wie nach der Perspektive der Beschäftigung mit diesen Ego-Dokumenten unter den Bedingungen einer inzwischen breit aufgestellten, international vernetzten Kriegskultur-Forschung.

Prof. Dr. Siegfried Hoefert (Waterloo/CAN):
Zur Funktion und Nutzung von Feldpostbriefen und ähnlichen Dokumenten in Publikationen über den Zweiten Weltkrieg

Im Folgenden soll gezeigt werden, wie Feldpostbriefe und andere persönliche Dokumente, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg befassen, künstlerisch und propagandistisch in einigen literarischen Werken verwendet werden. Nachdruck wird gelegt auf die Nutzung von individuellen Aufzeichnungen und ihre mediale Präsentation. Berücksichtigt werden alliierte und deutsche Quellen. Für den amerikanischen Bereich greife ich zurück auf Stefan Heyms Aufzeichnungen über seine Tätigkeit in einer US-Propagandaeinheit, für den sowjetischen Bereich auf die Kriegstagebücher von Konstantin Simonow. Was das deutsche Spektrum betrifft, werden Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert und Michael Schnellbacher in Betracht gezogen, desgleichen eine Erzählung von Willy Peter Reese sowie Auszüge aus der Korrespondenz von Johannes Bobrowski, Franz Fühmann und anderen Kriegsteilnehmern. Es ergibt sich, dass Feldpostbriefe und persönliche Dokumente von Propagandaeinheiten der amerikanischen Armee häufig und bisweilen mit Erfolg genutzt werden. In den Kriegstagebüchern von Konstantin Simonow belegen Briefe das Denken und die individuelle Verfasstheit von russischen Soldaten und Zivilisten. In den untersuchten deutschen Quellen werden Briefe herangezogen, um die Realität des Krieges vor Augen zu führen und damit verbundene Begebenheiten in Frage zu stellen. Relevante Sekundärliteratur zu dem Vorhaben ist kaum vorhanden.

MA Ralf Hoffrogge (Potsdam):
Utopien am Abgrund - Der Briefwechsel Werner Scholem - Gershom Scholem in den Jahren 1914-1919

"Sozialdemokratie und Zionismus - alles dasselbe, deutschfeindliche Umtriebe." - Mit diesen Worten wies der Druckereibesitzer Arthur Scholem im Jahre 1917 seine Söhne Gerhard und Werner aus dem Hause. Während Gerhard Scholem sich in zionistischen Jugendgruppen engagierte, war Werner auch als Soldat Sozialist geblieben und hatte in Uniform an einer Demonstration gegen den Krieg teilgenommen. Dies brachte ihm nicht nur die Enterbung und Verstoßung aus der Familie sondern auch mehrere Monate Gefängnis ein. Beide Brüder gingen jedoch trotz Repression und Enterbung ihren Weg.
Werner und Gerhard verband ein starkes Gefühl der Entfremdung gegenüber der nichtjüdischen Umwelt, das angesichts wachsender Diskriminierung manchmal in offene Feindschaft umschlug. Im zivilen Leben erlebten sie den Alltag des Antisemitismus, als Soldaten wider Willen wurde insbesondere Werner mit den Abgründen des ersten Weltkrieges konfrontiert. Während es Gerhard schaffte, sich durch eine vorgetäuschte Geisteskrankheit dem Militär zu entziehen, musste Werner volle vier Jahre als Soldat dienen, unterbrochen nur durch den erwähnten Gefängnisaufenthalt. In ihren größtenteils unveröffentlichten Briefen und Feldpostkarten der Jahre 1914-1919 tauschten sich beide über ihre Erfahrungen aus. Beide Brüder waren gleichermaßen angewidert von Krieg und Nationalismus, zogen jedoch sehr unterschiedliche Konsequenzen. Gerhard, später berühmt unter dem Namen Gershom Scholem, wanderte 1923 als Zionist der ersten Stunde nach Palästina aus. Werner hingegen suchte den Ausbruch aus der familiären und gesellschaftlichen Enge im Universalismus der sozialistischen Arbeiterbewegung. Nicht die Emanzipation der "Juden als Juden, als Volk unter den Völkern", wie es Gershom ausdrückte, strebte er an. Er wollte stattdessen gemäß dem Marxschen Ausspruch von 1843 "als Mensch an der menschlichen Emanzipation arbeiten". Er wurde nach dem Krieg erst Landtags- und dann Reichstagsabgeordneter für die KPD, schließlich Organisationsleiter der Gesamtpartei. 1925 protestierte er gegen die Stalinisierung der KPD, kurz darauf wurde er aus der Führung entfernt und aus der Partei ausgeschlossen. 1933 wurde Werner Scholem verhaftet und nach mehrjähriger Odyssee durch verschiedene Lager 1940 im KZ Buchenwald ermordet.
Der Briefwechsel der Brüder Scholem ist ein einzigartiges Fenster in die Gedankenwelt jüdischer Jugend in Zeiten des Umbruchs. Der Hass auf die Diskriminierung seitens der deutschen Mehrheitsgesellschaft mischt sich mit der Sehnsucht nach der Utopie, die Sinnsuche von Heranwachsenden trifft auf eine aus den Fugen geratene Welt. Knappe Feldpostkarten mit Alltagssorgen wechseln sich ab mit philosophischen Briefen.

Dr. Martin Humburg (Detmold):
"Jedes Wort ist falsch und wahr - das ist das Wesen des Wortes"
Vom Schreiben und Schweigen in der Feldpost

Gegenstand einer Inhaltsanalyse waren Feldpostbriefe der Jahre 1941 bis 1944 aus der Sowjetunion von 25 Wehrmachtssoldaten der Jahrgänge 1901 bis 1923. Ausgewählte Themen wurden untersucht in Abhängigkeit von der Zeit, dem Alter (jüngere / ältere), den Adressaten (Eltern / Ehefrau, Partnerin) und dem Dienstgrad (Mannschaften / Unteroffiziere) und weiteren Binnendifferenzierungen ("Aufsteiger"; Art des militärischen Einsatzes).
Wie schafft es der Soldat, sich ein selbstwertstützendes Selbstbild zu erschreiben und damit selbstwertbedrohliche Erfahrungen auszugleichen?
Wie schaffen es Feldpostbriefe, kompensatorisch eine Gegenwelt zu schaffen in einem Umfeld, das bestimmt ist durch Bedrohung, physische und psychische Belastungen aller Art und den Verlust der persönlichen Freiheit?
Wie schafft es der Schreiber des Feldpostbriefs, in einer Zeit extrem divergierender Lebenserfahrung gegenüber den Adressaten eine Kommunikation aufrecht zu erhalten? Welches Spannungsfeld herrscht zwischen dem Bedürfnis der Mitteilung und dem Prozess des sich Verschließens und des zunehmenden Beschweigens von existentiellen Kriegserfahrungen? Welche Fragen eröffnen psychologische Forschungen zu Schweigen und Selbstenthüllung für die Erkenntnis der Feldpost?
Welche Gültigkeit hat das einleitende Zitat (Max Frisch) für die Feldpostbriefe?

Dr. Astrid Irrgang (Berlin):
Feldpost Peter Stölten - internationale Reaktionen auf eine Buchveröffentlichung

Feldpost ist eine Kategorie von Briefen, die in existenzieller Situation verfasst wurden. Auf unbestimmte Zeit getrennt von den Angehörigen und dem zivilen Leben, unter großen körperlichen und psychischen Entbehrungen und Strapazen, allzu häufig im Bewusstsein der Möglichkeit des eigenen gewaltsamen Tötens und Sterbens sprechen Menschen über sich und ihre Umgebung. Ihre Zwiesprache mit den Angehörigen interessiert die historische Forschung in besonderer Weise, hilft die Auswertung dieser Kommunikation doch, die Verwandlung von Zivilisten in auf Leben und Tod kämpfende Soldaten besser zu verstehen.
Die Fakten des 2. Weltkrieges sind hinlänglich bekannt, das Innenleben der am Kriegsgeschehen beteiligten Menschen aber entzieht sich in weiten Teilen noch immer unserem Verständnis. Eine Analyse dieses Innenlebens hängt ab von einer sich kontinuierlich über einen längeren Zeitraum erstreckende Quellenbasis. Nur aus ihr können über die bloße Momentaufnahme einzelner Briefe hinaus Aussagen über die Mentalität des Verfassers gewonnen werden. Geschlossene Quellenkörper, die exemplarische Untersuchungen erlauben, haben Seltenheitswert.
Vorgestellt werden die Briefe des 1922 in einer protestantisch-bildungsbürgerlichen Berliner Familie geborenen Peter Stölten, der an zentralen Frontabschnitten kämpfte, zum Leutnant befördert und schließlich zum NS-Führungsoffizier ernannt wurde.

MA Thomas Jander (Berlin):
Gefährliche Worte. Dissens und Desertion in Kriegsbriefen deutscher Soldaten

Eine der in Bezug auf die Wehrmacht am heftigsten diskutierten Forschungsfragen, ist die nach ihrer fortwährenden Kampfbereitschaft in einem Krieg, den seit 1943 viele Akteure auf fast allen Ebenen für aussichtslos hielten. Zwar haben jüngere Forschungsergebnisse die Legende der verbissen bis zum Schluss kämpfenden deutschen Armee nachhaltig relativiert. Doch zu Auflösungserscheinungen, wie sie sich bei den kaiserlichen Truppen im Herbst 1918 zeigten, kam es bei der Wehrmacht bis zuletzt nicht. Desertionen waren hier, so scheint es, die Ausnahme. Daher stellt sich die Frage, was die meisten deutschen Soldaten hat ausharren lassen, auch heute noch mit Berechtigung. Bei der Beantwortung dieser Frage kommt man an der Feststellung, dass der Kohäsion der Truppe maßgeblich Formen militärischer Männlichkeiten - ‚Kameradschaft', ‚Manneszucht', ‚Pflichttreue' - zu Grunde lagen, nicht vorbei. Ideologische Unterfütterungen konnten sich dort am wirksamsten entfalten, wo sie Anschluss an lebensweltlich vorgeprägte Muster vorfanden.
Die ‚anderen' Soldaten - Deserteure und Dissidenten - waren aus vielschichtig gelagerten Gründen weniger bereit, diesen Formen zu folgen. Dass Verweigerer in der Wehrmacht schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, scheint, berücksichtigt man Zensurpraxis und Strafmaße, kaum vorstellbar. Und dennoch gibt es Spuren von Resistenz und Widerständigkeit deutscher Soldaten in ihren Briefen. Es mag viele Feldpostbriefe geben, deren Schreiber desertierten, ohne dass in ihnen auch nur ein Wort über die bevorstehende Flucht enthalten ist. Unter Deserteursbriefen sind daher auch nur solche zu verstehen, welche die Fahnenflucht greif- und nachvollziehbar werden lassen. Solche Texte stellen eine rare und damit wertvolle Quelle für die Forschung dar. Gegenüber Gerichtsakten und Verhörprotokollen bzw. nachträglich, dass heißt nach geglückter Flucht, niedergeschriebenen Dokumenten oder autobiografischen Erzählungen, besitzen sie einen entscheidenden Vorteil. Sie erklären nicht post festum ein Ereignis, deuten es nicht vor dem Hintergrund eines wie auch immer begründeten Legitimationsdrucks. Sie helfen, Motivationen und Lebenswege der ‚anderen Soldaten' auszuloten und sind mehr noch eine Sonde die ihre Leidens- und zugleich ihre Schweigegrenze markiert. So sehr Fahnenflucht eine individuelle, vereinzelte Handlung darstellt, so sehr sind sie Spuren, die sie hinterlassen haben, vereinzelte Zeugnisse.
Der Beitrag will Dimensionen dieser Devianz in ihrer sprachlich-schriftlichen Spiegelung vorstellen. Dissens gab es in verschieden stark ausgeprägter und situativ bedingter Form. Wie weit ging die verbale Verweigerung, wo waren ihre Grenzen? Wann wurde warum Kritik geäußert? Um Kritik an der militärischen ‚Maschine' zu äußern, bedurfte es (aus genannten Gründen) einiges an Courage. Dies gilt umso mehr, wenn es darum geht, eigene Fahnenflucht dem Briefpapier anzuvertrauen, das durch die Hände von Vorgesetzten und Feldpostprüfstellen ging. Mit diesem Vortrag sollen die Möglichkeiten der Quelle Feldpostbrief im Sinne einer Motivationsforschung und zur Erforschung individueller Handlungsspielräume deutscher Soldaten diskutiert werden.

Dr. Andreas Jasper (Tübingen):
Zweierlei Weltkriege. Kriegserfahrung in der Feldpost - zwischen Konstruktion und Wirklichkeit.

Das Thema meines Beitrages ist die Kriegserfahrung von Wehrmachtssoldaten an und hinter der Front sowie die Veränderung von Forschungsperspektiven seit der "konstruktivistischen Wende" der kulturgeschichtlich interessierten Forschung ab den 1990er Jahren. Auf der Grundlage meiner zwischen 2005 und 2010 am Tübinger SFB 437 (Kriegserfahrung) entstandenen Dissertation möchte ich den Zusammenhang von unterschiedlichen Lebenswelten und unterschiedlichen Kriegserfahrungen aufzeigen. In diesem Zusammenhang verdienen sowohl die Kontroversen zwischen den Generationen der Zeitzeugen und der Nachgeborenen als auch neuere Forschungsthesen eine kritische Würdigung. Zu diskutieren ist dabei besonders die Angemessenheit kultur- und mentalitätsgeschichtlich orientierter Fragestellungen nach Kriegserfahrung als Sinnstiftung des Krieges, wobei das Töten und Getötetwerden als das wesentliche Element des Krieges weithin ausgeblendet wird.
Das Verhältnis von Kampferlebnis und Emotion scheint bisher wenig ausgeleuchtet zu sein und bietet einen Ansatzpunkt, den Streit zwischen den Generationen besser nachzuvollziehen, da sich die Konflikte meistens an der Frage entzünden, welcher Aspekt von Kriegserfahrung als essentiell zu verstehen und zu befragen ist: Das individuelle Kampferlebnis im Krieg (Zeitzeugen) oder die kollektive Sinnstiftung des Krieges (Nachgeborene).
Ausgehend von den Forschungsergebnissen meiner Dissertation möchte ich das aus dem kulturgeschichtlichen Erkenntnisinteresse der jüngeren Forschung erwachsene Desinteresse am Thema "Krieg als Kampf", gerade auch mit Blick auf die zentrale Erfahrung der Masse der Kriegsteilnehmer, einer kritischen Würdigung unterziehen. Kriegserfahrung, so meine These, besteht aus kognitiv-emotionalen Wahrnehmungen und ideologisch-rationaler Deutung dieser Wahrnehmungen. Die Frage, ob Wahrnehmung oder Deutung die Kriegserfahrung maßgeblich prägte, hängt von der Lebenswelt ab, in der Krieg erfahren wurde. Ein solcher Ansatz verbietet die Arbeit mit einer "geschlossenen" Theorie, die vor aller Quellenlektüre auswählt, welche Informationen wie zu interpretieren sind. Vielmehr muss es um eine mühsame Kombination verschiedener Ansätze und Theorien z. B. aus Militärgeschichte, Militärsoziologie, Soziologie, Psychologie, Emotionsforschung, Mentalitätsgeschichte gehen, um die verschiedenen Zeit- und Raumschichten der Kriegserfahrung zu einer Synthese zu verbinden.

Dr. Michaela Kipp (München):
Reinlichkeitsvorstellungen in Feldpost - Herausforderung für die Kriegsgeschichte

Die mentalen Voraussetzungen, die ganz normale deutsche Männer im Zweiten Weltkrieg vielfach dazu brachten, sich in Osteuropa an Kriegsverbrechen gegen die ansässige Bevölkerung zu beteiligen, lassen sich nicht in hinreichendem Maß erfassen aus den von der historischen Forschung zur Mentalität im NS vor allem herangezogenen Propagandaschriften, Lehrbüchern, Zeitungsartikeln und Wissenschaftsdiskursen. Auf Grundlage dieser öffentlichen Quellen ist es häufig zu einer Überbewertung der Wirksamkeit von NS-Ideologie gekommen. Die qualitative Auswertung eines Korpus von ca. 7000 Feldpostbriefen als Selbstzeugnissen der Kriegsteilnehmer führt demgegenüber zu dem Ergebnis, dass die Soldaten kaum auf ideologische Argumente rekurrierten, sondern eher damit beschäftigt waren, die im Einsatzgebiet vorgefundenen Eindrücke dem eigenen Erfahrungshorizont anzuverwandeln. Erst wenn politische Ideologie an solche Alltagsüberzeugungen anschlussfähig ist, erhält sie Handlungsrelevanz für konkrete Situationen. Die Verschränkung kollektiver Deutungsmuster und persönlicher Wahrnehmung im Kontext des Kriegs führte zu einem ausufernden, dynamischen Prozess der Enthemmung, der zu den mentalen Möglichkeitsbedingungen der Vernichtungskriegsführung im Osten gehört. Dabei sollte insbesondere das zivilisatorische Grundmotiv der ‚Reinlichkeit' eine mörderische Wirkung entfalten. So schreibt ein Soldat seiner Familie während des Vormarsches 1941:
"Bei uns in Deutschland wohnen die Schweine besser als wie die Leute hier, denn so eine glänzende Wohnung wie unsern Schweinestall, kennen die Menschen hier nicht. Die Leute hausen wie die Zigeuner, in Dreck, Lumpen u. Läusen." Manifest wurde das aggressive Potential solcher Meinungen unter den spezifischen Bedingungen des Vernichtungskriegs. Wehrmachtssoldaten, die sich in ihrer privaten Korrespondenz gegen "ekelhafte" Juden, "verlauste Russenweiber" und "stinkende Räuberhöhlen" rhetorisch abgrenzen, identifizieren sich mit der Aufgabe eines "Großreinemachens im Osten". Gerade die neuartigen, völkerrechtswidrigen Einsätze gegen Juden und Partisanenverdächtige erhielten den Anschein von Akzeptabilität durch Sprachregelungen aus dem Reinlichkeitsrepertoire und eine festgelegte Verlaufsform. Sie wurden als "Säuberungsaktionen" in der sozialen Praxis des Barbarossa-Feldzugs regelrecht eingeübt. Daher ist das Schreiben über Sauberkeit nicht von den Gewalthandlungen isoliert zu betrachten. Es war kein Zufall, dass speziell Maßnahmen gegen die aus soldatischer Sicht hochgradig unmoralisch agierenden Partisanen so bezeichnet wurden. Das "harte, aber saubere" militärische Vorgehen der Wehrmacht wurde in dieser Hinsicht legitimiert. Trotz Zensur und Selbstzensur, Auslassungen, Beschönigungen und manchen Lügen bieten die Feldpostbriefe einen reichhaltigen und unersetzlichen Bestand an Äußerungen zur Welt-, Situations- und Selbstwahrnehmung der Soldaten aus der Zeit ihrer Teilnahme am Vernichtungskrieg. Feldpostbriefe bilden Kriegseindrücke allerdings nicht ungefiltert ab, sondern verklären, verharmlosen oder verschweigen sie durch kulturell tradierte Deutungsmuster.
Die Soldaten schufen sich auf diese Weise die notwendigen Sinn- und Identitätskonstrukte, um auch bei menschenverachtenden Einsätzen funktionieren zu können. Dieser Zusammenhang macht die Briefe trotz aller Vorbehalte über die Datengenauigkeit zu einem aufschlussreichen Gegenstand für die Täterforschung. So kann die Untersuchung der Spezifik von Ordnungs- und Sauberkeitsvorstellungen in Feldpost als eine Sonde dienen, die es ermöglicht, das Denken der Protagonisten des Vernichtungskriegs und das Funktionieren der militärischen Apparate aus einer alltagsweltlichen Perspektive mit großer Nähe zu den "ordinary men" zu studieren.

Dr. Klaus Latzel (Braunschweig):
Die Gefallenen - wie man in Feldpostbriefen aus der Geschichte für die Gegenwart lernen kann

Die Sprache von Feldpostbriefen aus den beiden Weltkriegen gibt Einblicke in die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der Kriegsgenerationen. Dies gilt auch und gerade angesichts der ultimativen Herausforderung, die der Krieg bereithält: angesichts des Todes. Eine aufmerksame Lektüre der Briefe zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der sprachlichen (und damit auch der mentalen) Mittel, mit dieser Herausforderung, die nicht selten zur Überforderung wird, umzugehen.
Zentrale Bedeutung gewinnt in diesem Zusammenhang in Deutschland der Gebrauch des Begriffs "fallen", "Gefallene" usw. Der Vortrag betrachtet zunächst die massenhafte Verwendung dieser traditionellen Metapher in Feldpostbriefen der beiden Weltkriege und ihre konkreten Bedeutungsfelder (ein Beispiel: es sind jeweils die eigenen Kameraden, die "fallen", während der Gegner "krepiert" usw.), und zeichnet sodann kurz ihre Geschichte nach, in der sich erweist, dass sie erst seit dem Ersten Weltkrieg zur flächendeckend verwendeten Pathosformel für den Soldatentod avancierte, nach dem Zweiten Weltkrieg für lange Zeit in der Versenkung verschwand, um heute, unter veränderten Vorzeichen, wieder aufzuerstehen.
"Veränderte Vorzeichen" bedeutet: Während einst das "Fallen" zur verklärenden Weichzeichnung des Kriegstodes diente, gilt seine Verwendung heute als Ausweis illusionslosen Realismus` beim öffentlichen Sprechen über die Auslandseinsätze der Bundeswehr, zweifellos ein deutlicher Indikator für den Wandel grundsätzlicher Einstellungen zu Krieg und Tod seit 1945. Möglicherweise zeigt die Wiederbelebung des Begriffs aber auch den Beginn eines erneuten Wandels auf einer anderen Ebene an: Das "Fallen" führte immer schon einen ganzen Kranz von Bedeutungen mit sich, breitenwirksame, nicht hinterfragbare, heroisierend-sentimentale Sinnzuschreibungen, die es gleichsam als Abkürzung in sich aufgesaugt hatte. Wer "fiel", fiel immer schon "für etwas": das Vaterland, das "Deutschtum", die Kultur, den "Führer" usw., anders gesagt: Wer heute von "Gefallenen" spricht, zitiert damit eine traditionelle Form der Sinnstiftung des Kriegstodes, ohne dessen heutigen Sinn zu benennen - er wird mit dem Begriff schlicht unterstellt und gegen Kritik immunisiert. Wofür "fallen" die Bundeswehrsoldaten?
Die Betrachtung der Sprache der Feldpostbriefe sensibilisiert für die oft subtilen Zusammenhänge zwischen dem Sagbaren, dem Nicht-Sagbaren und den damit jeweils verbundenen Sinnstiftungen für den Kriegstod. Sie ist damit aufschlussreich sowohl für die Verarbeitung vergangener Kriegserfahrungen wie auch für die Herausforderungen der gegenwärtigen Kriege, die als solche gerade erst das politische Bewusstsein erreichen.

Dr. Kerstin von Lingen (Heidelberg):
Kriegserfahrung an der Südfront: die Perspektive der Soldaten auf den Bündnispartner und Besatzungsherrschaft, 1943-1945

Hitler und Mussolini hatten ihre beiden Länder auf vielfältige Weise, ideologisch, politisch und wirtschaftlich, zuletzt auch militärisch, miteinander verflochten und 1938 der Partnerschaft zwischen dem deutschen Reich und Italien den Namen "Achse" gegeben, um ihre Hybris zu unterstreichen, dass die zukünftige Weltordnung sich um diese Achse drehen sollte. Jedoch wurde die Partnerschaft im Verlauf des Krieges brüchig; Italien beendete sie 1943, nachdem Mussolini abgesetzt wurde und die neue Regierung unter Badoglio das Bündnis aufkündigte. Italien wurde so zum Sonderfall des "besetzten Verbündeten": Hitler ließ Nord- und Mittelitalien von der Wehrmacht besetzen, Arbeitskräfte nach Deutschland deportieren und die kriegsgefangenen Soldaten in Lagern als Zwangsarbeiter zusammenfassen. Auf dem Rückzug der deutschen Wehrmacht kam es zu deutschen Kriegsverbrechen an Italienern, meist Dorfbewohner, deren Häuser Racheaktionen und Massakern zum Opfer fielen. Da die Kriegslast auf dem Rücken der Wehrmacht konzentriert war, die sich nach September 1943 neben den eigentlichen Kämpfen an der Front in einem hinhaltenden Rückzug 18 Monate lang durch Italien zurückzog, ist die Perspektive der einfachen Soldaten und in Italien eingesetzten Offiziere von besonderem Interesse. Abseits des Frontgeschehens machten sie Alltagserfahrungen im Land des ehemaligen Bündnispartners, waren in Dörfern einquartiert und pflegten Freundschaften, besahen sich antike Stätten und Kirchen, oder aber sie wurden zu grausamen Sühneaktionen gegen "bandenverdächtige Ortschaften" und "Partisanennester" herangezogen oder übten persönliche Rache an den "verräterischen Italienern" während der Entwaffnungsaktionen nach dem 8. September 1943. In Feldpostbriefen an ihre Familien zuhause, aber auch in detaillierten Tagebüchern hielten sie ihre Eindrücke und Einstellungen fest. Ihre Perspektive stellt daher eine Schnittstelle zwischen emotionalem und rationalem Herangehen an die Bündnisrealität dar und ist dadurch eine Spiegelung der offiziellen Politik: Soldatenaufzeichnungen können Aufschluss darüber geben, wie viel von der NS-Propaganda und den Freundschaftsbeteuerungen angesichts der Realität noch geglaubt wurde bzw. welche Gegenperspektive sich etablieren konnte.
Im Vortrag werden am Beispiel des italienischen Kriegsschauplatzes Feldpostbriefe und Tagebuchnotizen in Beziehung gesetzt zum Frontgeschehen und der politischen Entwicklung zwischen beiden Ländern. Darüber hinaus wird der methodischen Frage nachgegangen, in wieweit es sinnvoll sein kann, Feldpostbriefe oder andere "Ego-Dokumente" als Ergänzung zur dokumentarischen Überlieferung, etwa politische und militärische Sachakten, heranzuziehen, um ein komplexeres Bild auf historische Entwicklungen zu erhalten.

Dr. Marco Mondini (Padua/ITA):
Paper Heroes: Letters from the Front during WWI in Italy and the Construction of a Masculine Warrior Ideal

As is the case with all the European countries involved in WWI, also in Italy the market of the "collections of letters" written in 1915-18 is constantly growing, as much as that of the soldiers' diaries and memoirs, especially thanks to work of non-academic historians. In fact, since the early postwar period, the letters (and memoirs) by combatants have been one of the most typical elements of what J. Winter has called the "theatre of remembrance". A veritable paper monument bearing witness to the experience and the significance of the war, the correspondence of soldiers, like their diaries, has seen an extraordinary growth especially during the Twenties. Unlike the case of war literature, which has never been systematically anthologized (in Italy there is nothing comparable to the French Temoins by Norton-Cru), there have been early attempts to collect and classify the body of letters.
As early as 1935, with his exemplary collection Momenti della vita di guerra, the historian and veteran Adolfo Omodeo had launched the idea of an anthology of the themes of the soldiers' letters. But that was a rather limited specimen of the overflowing body of war correspondence. Not just because the collected letters (and diaries) were only a few scores out of an estimated number of 2 billion and 100 million letters written from the front, but especially because Omodeo had practically excluded the materials written by privates, despite their having been already collected (in an archive at that time kept at the Museo del Risorgimento in Milan). In Omodeo's view, the letters par excellence were those written by officers, by cultivated young men trained to love their country, for whom the war was, in the first place, a mission and an ideal gesture. A landmark of the "patriotic paradigm" of the interpretation of war, Omodeo's collection ceased to play an important role after the 1960s, when the work by Mario Isnenghi, Alberto Monticone, Renato Monteleone (Lettere al re, 1974), and Giorgio Rochat, which reconstructed the perspective on war from the "lower classes", has radically changed the perception of the Great War. Since the 1990s, the correspondence from the front has been resumed and reinterpreted as a testimony to such world of foot soldiers, more prone to protest and dissent than to nationalism. The letters published by Giovanna Procacci (Soldati e prigionieri italiani nella Grande Guerra, 1993), as well as those collected by Antonio Gibelli and his students in the Archivio Ligure della Scrittura popolare, are examples of a representation of the conflict "from the bottom", which has often been used as the foundation of the so-called historiography "of dissensus": these texts depict the rejection of war, the absurdity of trench life, the fear of death.
In a perspective that attempts to go beyond the excessively rigid opposition between the paradigm of consensus and that of dissensus to the war, my paper will investigate the cultural models by means of which, in their letters, the soldiers represented themselves to those who had remained at home, their relatives, and friends. In particular, I will suggest that through the mediation of a more or less refined writing, the soldiers articulated a manly image of themselves, grounding it in the classical canons of war heroism, and sometimes invigorating it with more or less spontaneous references to the themes of patriotic propaganda. On the one hand, such a construction of a manly war identity was functional to the soldiers' attempt to render both trench life and the risk of death - otherwise characterized by a distressing absurdity - more meaningful and reassuring. On the other, it served to narrate and represent those masculine bonds, typical of the "community at the front" (the small trench group, one's own platoon), which were, far more than the bonds of hierarchy and training, one of the key factors of the combatants' psychological and disciplinary resistance.

Prof. Dr. Xosé-Manoel Núñez (Santiago de Compostela/SPA):
Zwei Fronten, ein Krieg? Feldpostbriefe und Kriegserfahrung der Kämpfer der spanischen Blauen Division an der Ostfront, 1941-1945

Zwischen dem Juli 1941, als sich die ersten Truppenteile mit ca. 17.000 Freiwilligen in Marsch setzten, und dem Februar 1944 kämpften an der Ostfront ca. 47.000 spanische Soldaten in der so genannten "Spanischen Freiwilligendivision" bzw. der "250. (spanischen) Division" oder der "Blauen Division", wie man sie im Allgemeinen nannte. Ungefähr 4.700 von ihnen kamen nicht wieder zurück. Eine nicht genau zu bestimmende Zahl der Angehörigen der Division, zwischen 300 und 500, trat ab dem Februar 1944 in verschiedene Kompanien der Wehrmacht und der Waffen-SS ein, ohne eigene Einheiten zu bilden. Außerdem gerieten etwa 500 Soldaten in russische Gefangenschaft; davon kamen 250 Personen Anfang April 1954 nach Spanien zurück.
Die Erfahrung der Blauen Division (BD) war entscheidend für den spanischen Faschismus. Es gab in der BD einen hohen Anteil an sehr radikalen Falangisten, aber auch an Universitätsstudenten und Absolventen, die ihre Erfahrungen schriftlich übermittelt haben. Dazu gehörte vor allem eine hohe Anzahl an Memoiren und Selbstdarstellungen, die die Verarbeitung der Erinnerung der Fronterfahrung der spanischen Soldaten an der Ostfront zeigen. Jedoch blieb bis vor kurzem die Analyse der Feldpostbriefe der Kombattanten der BD ein weit unerforschtes Thema, nicht zuletzt wegen des Mangels an Sammlungen von Feldpostbriefe in öffentlichen Militärarchiven.
Dank der intensiven Suche nach Feldpostbriefen und Tagebüchern der spanischen Freiwilligen der BD bei privaten und öffentlichen Archiven gelang es dem Verfasser, über eine repräsentative Anzahl an Quellen zu verfügen, deren Analyse zur Rekonstruktion der verschiedenen Dimensionen der alltäglichen Erfahrung der Ostfront bei den spanischen Kämpfern in vergleichender Perspektive beiträgt.
Anhand der Feldpostbriefe soll gezeigt werden, wie die spanischen Soldaten auf die "neue Welt", die sie in Osteuropa trafen, reagierten, da sie dort zum ersten Mal ganz direkt mit einer Realität in Berührung kamen, die für sie bis dahin weit weg gewesen war: die Judenfrage - und die Judenverfolgung, die Folgen der deutschen Besatzungspolitik in Ostmitteleuropa, die Auswirkungen des kommunistischen Regimes auf die russische Bevölkerung, der verhasste asiatische Kommunismus… Einen wichtigen Aspekt der Kriegserfahrung der Ostfront stellt der implizite und manchmal auch expliziter Vergleich des "antibolschewistischen Kampfes" von 1941 - 45 dar mit dem, den viele Veteranen des spanischen Bürgerkrieges fünf Jahre zuvor erlebt hatten. Für viele Kämpfer handelte es sich in Russland nicht um einen "europäischen Kreuzzug", sondern bloß um eine Fortsetzung des spanischen Bürgerkrieges. Jedoch war der Krieg, den sie erzählten, völlig anders

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Prof. Dr. Rik Opsommer (Gent/BEL):
Feldpostkarten aus Westflandern. Historische Forschungsmöglichkeiten und Beschränkungen eines Alltagsmediums im Ersten Weltkrieg

In der letzten Jahren ist in mehreren europäischen Ländern viel über die Geschichte der Feldpost geschrieben worden. In Belgien wurde das Thema "Feldpostkarten" jedoch bisher wissenschaftlich vernachlässigt. Wir möchten anhand von mehr als 1000 "westflämischen" Feldpostkarten, während des 1. Weltkrieges von deutschen Soldaten nach Deutschland geschickt, zeigen, dass diese Karten auch eine wissenschaftliche Bedeutung haben können. Zu jeder Karte gibt es fünf historischen Elemente zu besprechen.
1. Ansicht: Die meisten Ansichten sind von belgischen Herausgebern vor dem Krieg gedruckt worden, und für die Geschichte des 1. Weltkrieges deshalb kaum wichtig. Jedoch gibt es auch mehreren Karten die während des Krieges von belgischen oder deutschen Verlegern hergestellt worden. Eine genaue Untersuchung solcher Verlage wie "Dr. Trenkler & Co.", "C. Hünich/Berlin-Charlottenburg", "Friedrich Stünkel/Elberfeld", "Hannoverscher Kunstverlag Heinrich Carle", "Feldbuchhandlung der 4. Armee", u.s.w. gibt es bisher nicht. C. Brocks (Zwischen Heimat und Front-2009) hat in ihre Arbeit diesen Aspekt nicht in Detail erforscht.
2. Poststempel: Das Funktionieren der deutschen Feldpost in Belgien im Ersten Weltkrieg ist gut beschrieben worden. Insbesondere Philatelisten wie H. Borlinghaus (Die deutschen Feldpost... Stempelhandbuch-2006), B. Koop (Die bayerische Armee-Post-Direktion 6-2002), oder Eric de Meester (ab 1995) haben dieses Thema sehr genau detailliert. Es ergibt sich die Frage, in wieweit diese Poststempel uns mehr über die Militärgeschichte erzählen können.
3. Briefstempel: Viel wichtiger für die Militärgeschichte sind jedoch die vorhandenen Briefstempel. Diese bisher viel weniger erforschten Stempel ermöglichen es zu wissen welche kleineren Armeeeinheiten wo und wann im flämischen Operationsgebiet oder in der Etappe eingesetz waren.
4. Adresse: Die meisten Feldpostkarten wurden an Familien, Freunde und Bekannte in Deutschland abgeschickt. Es ist also nicht verwunderlich, dass die meisten Karten nach Württemberg, Bayern, Sachsen oder nach dem norddeutschen Küstenbereich geschickt worden sind, da überwiegend Infanterie-Soldaten oder Marine-Infanterie-Soldaten aus diesen deutschen Staaten in Flandern gekämpft haben.
5. Text: Die deutsche Forschung hat in den vergangenen Jahren sich sehr stark mit dem kulturgeschichtlichen Aspekt der Feldpost beschäftigt. A. Reimann (Die heile Welt im Stahlgewitter-1997) hat sehr gut den Wert von Feldpostbriefen und in erweiterten Sinne auch von Feldpostkarten eingeschätzt: "eine Fundgrube für die Alltagsgeschichte". B. Ulrich (Die Augenzeugen-1997) hat leider die Feldpostkarten viel zu stark beiseite geschoben: "die oft nichtssagende Postkarte". Wenn man genugend solche Karten liest, erfährt man doch einigermaßen wie die deutschen Soldaten in Flandern gekämpft aber auch gelebt haben. Anbei einige Beispiele als pars pro toto: "Hier braucht man auch viel Geld"; "wieder Regenwetter"; "Zum ersten mal deutsches Bier"; "Dieses herrliche Seebadeort Ostende"; "Der Kursaal von Ostende hat zu bauen 40 Millionen gekostet"; "Jetzt sind wir auf ein ganz verlassenes Nest gekommen"; "Ich habe wieder gutes Quartier in einem Estaminet"; "Die Leute versteht man hier gut, denn sie sprechen alle platt"; "Mir wäre es ja lieber, es wäre bald Schluß mit diesem Grauen"; "Wir haben es alle satt"; "Wir haben hier viel Blut lassen müssen"; "Ypern, dieser schönen Stadt welche nun fast zum Trümmerhauden geworden ist"; "in Kortrijk, wo alles festlich geschmückt ist zur Feier von Kaisers Geburtstag"; "bitte besorge mir jetzt die Nagelschere" u.s.w. Wir hoffen anhand von mehreren solchen Beispielen mit einer Powerpoint-Präsentation dies näher erläutern zu können.
Es sei klar, dass die Punkte 2 bis 4 überaus für Militärhistoriker und Philatelisten nützlich sind. Die wichtigsten Ergebnisse für die deutschen Forscher finden wir also in den Punkten 1 und 5. Feldpostkarten sind eine umfangreiche Fundgrube für die Alltagsgeschichte des Ersten Weltkriegs, die es nicht verdienen unbenützt in archivalischen oder privaten Sammlungen liegen zu bleiben.

Dr. Rüdiger Overmans (Freiburg):
Die leidige Affäre Heitz

Im Winter 1942/1943 gelang es der Sowjetunion, ihren vermutlich erfolgreichsten Propagandacoup gegen das deutsche Reich zu lancieren - und dies nur aufgrund eines deutschen Versehens. Bereits bei Beginn des "Ostfeldzugs" hatte Hitler die offizielle deutsche Haltung zur Kriegsgefangenschaft deutscher Soldaten festgelegt. Anders als im Westen sollte der deutsche Soldat im Osten auch über den Punkt der Sinnlosigkeit hinaus kämpfen und sich mit der letzten Patrone eher selbst töten als sich zu ergeben. Die Auffassung stieß durchaus auf Verständnis bei der Truppe, galt doch die Gefangenschaft in "Russland" aus der Erinnerung des Ersten Weltkriegs heraus als das schlimmste Schicksal, das ein Soldat erleiden konnte. Trotzdem wurde bereits im Herbst 1941 in Deutschland bekannt, dass nicht alle deutschen Kriegsgefangenen sofort umgebracht wurden, sondern sich zumindest ein Teil von ihnen in Kriegsgefangenenlagern befand. Die Wehrmacht - hierin unterstützt vom Propagandaminister Goebbels - bemühte sich, einen Austausch von Namenslisten mit der Sowjetunion zu arrangieren, um den Angehörigen in der Heimat Gewissheit zu verschaffen. Ende 1941 verbot Hitler jedoch endgültig jede derartige Aktivität. Ende 1942 ließ nun die Sowjetunion zu, dass ca. 25.000 Briefe von Kriegsgefangenen - darunter nicht nur Deutsche, sondern auch Italiener und andere verbündete Nationen - ins Ausland gelangten. Manche Briefe deutscher Soldaten waren an Verwandte im Ausland - vorzugsweise in der Schweiz - gerichtet, die meisten jedoch waren an die Familie in der Heimat adressiert. Aufgrund eines Versehens der deutschen Auslandsbriefzensur wurden ca. 600 dieser Briefe in Deutschland zugestellt. Die Empfänger reagierten nicht nur erfreut, sondern auch geschockt, hatte die Wehrmacht doch bis dahin erklärt, dass vom Tod der Gefangenen auszugehen sei. Wenn sich diese Aussage in den Fällen als falsch erwies, in denen Briefe eingetroffen waren, dann stellte sich die Frage, ob vielleicht die vielen Vermissten an der Ostfront - insbesondere bei Stalingrad - doch noch lebten. Um die quantitative Dimension des Problems zu verdeutlichen, sei darauf hingewiesen, dass die Wehrmacht in internen Stellungnahmen veranschlagte, an ca. 100.000 - 150.000 Vermissten "mindestens 1 - 1,5 Millionen Familienangehörige hingen" - ganz zu schweigen von der weiteren Öffentlichkeit, die sich für das Thema ebenfalls interessierte. Verschärft wurde die Situation durch den Brief des Generaloberst Heitz. Er bat seine Frau, Namen von Vermissten zu sammeln und an ihn weiter zu leiten. Er werde feststellen, ob sie in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern lebten. Die Nachricht von diesem Brief pflanzte sich fort im deutschen Reich wie ein Lauffeuer, Frau Heitz wurde buchstäblich überschwemmt mit Post. Das Reichssicherheitshauptamt unterband jedoch sehr bald den Postverkehr in dieser Angelegenheit. Wer Informationen darüber verbreitete, wurde von der Gestapo nachdrücklich verwarnt, jede weitere Aktivität zu unterlassen, wenn er nicht in ein Konzentrationslager eingewiesen werden wollte.
Der hier vorgeschlagene Vortrag wird der Frage nachgehen, was die Führung des deutschen Reiches zu dieser Vorgehensweise bewog und welche Folgen dies für die Haltung der Bevölkerung gegenüber dem Staat besaß.

Dr. Julia Paulus (Münster) und Dr. Marion Röwekamp (Cambridge/USA):
Annette Schücking - Briefe einer Soldatenheimschwester von der Ostfront

Das vorliegende Projekt widmet sich der Herausgabe einer historisch-kritischen Edition von Feldpostbriefen von Annette Schücking(-Homeyer), die - aus einer traditionsreichen Münsteraner bildungsbürgerlichen Familie stammend und bereits Jura studierte hatte -zwischen 1941 und Januar 1943 als Soldatenheimschwester am Aufbau zweier verschiedener Soldatenheimen an der Ostfront beteiligt war.
Feldpostbriefe sind ein einzigartiger Quellenkörper, der unter vielen verschiedenen Fragestellungen interpretiert werden kann. Werden ihre Edition von Wissenschaftlern verantwortet, sollten einige Aspekte auch in die kommentierten Ausgaben einbezogen werden. Eine Gattung innerhalb der Feldpostbriefe, die bisher innerhalb dieser Quellengattung marginalisiert wurde, ist die Feldpost von Frauen. Dies ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass insgesamt weniger Frauen an der Front tätig waren, wie auch, dass die Analyse von Kriegserinnerungen unter Gender-Aspekten in weiten Teilen ein Desiderat der historischen Forschung darstellt. Wurde die Rolle und Funktion von Frauen im Nationalsozialismus, deren komplexe Verstrickung als Mittäterinnen wie als Opfer zunehmend thematisiert, gilt dies weniger für die Frage nach der Kriegswahrnehmung von Frauen, interpretiert als Kulminationspunkt einer ‚nationaler Krise' und Identitätsstiftung. Bislang ist die einschlägige Erforschung von Kriegserinnerungen unter Gender-Aspekten noch nicht zu synthetisierenden Fragestellungen vorgedrungen. Obwohl insbesondere dieser Aspekt besonders dazu geeignet ist, die Gegenläufigkeit oder den sich gegenseitig in Frage stellenden Charakter weiblicher und männlicher Erinnerung herauszuarbeiten. So wird in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg in der Regel -jenseits nationaler Besonderheiten -im kulturellen Gedächtnis die Verteidigung der Nation und die Identifikation mit nationalen Zielen als männliche Verhaltensweise erinnert, obwohl Frauen ebenso an diesen Aspekten teilnahmen. Wahrscheinlich erklärt sich auch hieraus das Fehlen weiblicher Kriegserinnerung im kulturellen Gedächtnis der Nation.
Die Untersuchung der Feldpostbriefe von Annette Schücking kann einen Teilaspekt dieses Forschungsdesiderats beleuchten. Bei diesen Feldpostbriefen handelt es sich um autobiografische Darstellungen in Briefform, die unter verschiedenen Aspekten gelesen werden können: Im Kontext ihres Einsatzes an der Front erscheinen die Inhalte der Briefe zuweilen als "Befreiungsakt" von engen geschlechtsspezifischen Rollenvorgaben, in denen die Rotkreuzschwestern als "Abenteuerinnen" stilisiert werden. Daneben lassen sich die Briefe auch als Texte der erstmaligen Begegnung mit dem ‚Fremden' lesen. Die Berichte der aus einer liberalen, bildungsbürgerlichen Familie stammenden Annette Schücking reproduzieren hierbei sowohl idealisierte ‚Vor'-Stellungen von ‚dem' russischen Menschen und dessen Kultur, verdeutlichen aber auch - nicht zuletzt über die erfahrenen ‚Ent'-Täuschungen in der persönlichen Begegnung - das harsche Umkippen dieses zunächst naiv offenen Blicks in ein Verhältnis der quasi kolonialen Über- bzw. Unterordnung. Dabei werden die eigenkulturellen Wahrnehmungen der Verfasserin gleichsam mittransportiert.
Zudem zeichnen sich die Briefe Annette Schückings dadurch aus, dass Annette Schücking als bereits studierte Juristin und aus einer Familie stammend, die sich mit dem Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus stark auseinandergesetzt hatte, mit großer (kritischer) Reflektion und Offenheit über die Bedingungen an der Front spricht. Die nach und nach immer stärker einsetzende Identifikation mit z. T. stereotypen (Vor-)Urteilen über den Kriegsverlauf, Tätigkeiten von Partisanen oder die Requirierung jüdischen Eigentums zeigt demgegenüber die Bedeutung des Faktors ‚Zeit': Je länger die damals Anfang 20jährige Annette Schücking in den Soldatenheimen an der unmittelbaren Ostfront arbeitete, umso weniger konnte (und wollte) sie sich der völkischen Rhetorik entziehen.
Von besonderem Interesse für die Forschung ist darüber hinaus die Tatsache, dass das Konvolut der Schücking-Briefe im Gegensatz zu den meisten bisherigen Feldpostbriefeditionen nicht nur Briefe von der Front nach Hause enthält, sondern auch die Briefe der Eltern von der münsterländischen ‚Heimatfront' überlieferte, was diese Briefe zu einem (fast) geschlossenen Dialog werden lassen.

Prof. Dr. Helmut Peitsch (Potsdam):
Die Edition von Soldatenbriefen als ‚Letzte Briefe' in der Nachkriegszeit

Die besondere Stellung des ‚letzten Briefs' hingerichteter Widerstandskämpfer in den Nachkriegsöffentlichkeiten der vier Besatzungszonen wurde seit 1950, dem Erscheinen der "Letzten Briefe aus Stalingrad", auf doppelte Weise aufgehoben, zum einen durch die Anwendung des Begriffs auf Soldatenbriefe, zum anderen durch die Zusammenstellung von letzten Briefen von Widerstandskämpfern zusammen mit anderen Briefen innerhalb einer Anthologie. Nachdem zuvor Soldatenbriefe sowohl in Editionen der Briefe einzelner als auch in Anthologien der Briefe mehrerer im Zweiten Weltkrieg als Soldaten gestorbener Verfasser unter dem seit Philip Witkop festen Titel "Kriegsbriefe" von ‚Gefallenen' herausgekommen waren, vollzog sich ein Wandel, dem in der Editionstätigkeit von Hans Wilhelm Bähr, dem Herausgeber der Zeitschrift "Universitas", nachgegangen werden soll; wenn er 1952 seinem Vater bei der Zweiten-Weltkriegs-Version der "Kriegsbriefe gefallener Studenten" half, so schloss er 1961 in "Die Stimme des Menschen" letzte Briefe von Widerstandskämpfern ein. Die editorische Absicht, "die Welterfahrung der Opfer dieses Krieges in einer übergreifenden Gemeinsamkeit zu zeigen", begründete er mit der "Identität" des "Menschen schlechthin", die sich "an den Grenzen des irdischen Daseins" erhebe, in den Briefen der Soldaten wie der Widerstandskämpfer aus aller Welt: "Es sind die Toten, die [...] die Wirklichkeit der Zeit zwischen 1939 und 1945 beschreiben." In der "Stimme des einzelnen Menschen" spreche, wenn das "Intime" der "Absurdität" "entgegentritt", "das Absolute und Überdauernde in unserem Innern".

Dr. Aribert Reimann (Oxford/UK):
Eine Semantik des Krieges. Zur transzendentalen Wende in der Erforschung der symbolischen Erfahrungskonstruktion

Feldpostbriefe haben seit den achtziger Jahren unter verschiedenen Fragestellungen das Interesse der Geschichtswissenschaft geweckt. Nach den anfänglichen Hoffnungen der Alltagsgeschichte, aus den Berichten der Frontsoldaten das authentische "Antlitz des Krieges" rekonstruieren zu können, konzentrierte sich das Interesse der Feldpostforschung zunehmend auf die soziale und auch politische Funktion der Feldpost (B. Ulrich) oder auf die in ihr entwickelten zeitgenössischen Wahrnehmungen der kollektiven Gewalterfahrung und der privaten Ökonomie der Gefühle (K. Latzel). Als methodische Zuspitzung dieses Forschungstrends soll eine transzendentale Wende in der Analyse der zeitgenössischen Textualisierung der Kriegserfahrung dienen. Ziel ist dabei, aus Feldpostbriefen anstelle von alltags- und sozialhistorischen Einblicken in ein 'unmittelbares Kriegserlebnis' die sinnstiftenden Kategorien der Erfahrungskonstitution innerhalb der Kriegsgesellschaften zu erheben. Anhand ausgewählter Quellenmaterialien können so folgende Analyseschritte veranschaulicht werden: Die Versprachlichung der Kriegserfahrung stellt selbst einen zeitgebundenen Prozess der Erfahrungskonstitution dar - Erfahrungen wurden demnach in Briefen buchstäblich "gemacht". Die dabei historisch wirksamen erfahrungsleitenden Kategorien können als heuristische Sonden für eine Rekonstruktion zeitgenössischer Sinnstiftungen dienen. Diese Sinnstiftungen müssen einer doppelten Medienanalyse unterzogen werden - einerseits als medial vermittelte Subjektivierung der Kriegsteilnehmer selbst und andererseits als medial vermittelte Überlieferung dieser Sinnangebote an die Mit- und Nachwelt. In diesem Sinne sollen Fragen der Legitimierung des Gewalthandelns im Krieg, geschlechterpolitische Erfahrungsräume, Antworten auf die Irrationalität des modernen Krieges, nationale und religiöse Selbstvergewisserungen, Feindwahrnehmungen und schließlich die Herausforderung durch den Topos der Sprachlosigkeit in ihre zeitgenössischen diskursiven Kontexte eingeordnet werden. Das Ziel einer solchen Analyse der Bedingungen der Möglichkeit der Schreibens im oder vom Krieg kann - in Anlehnung an Ernst Cassirer - als eine Geschichte der symbolischen Grammatik der Weltkriegsära umschrieben werden. Feldpostbriefe ermöglichen so einen Einblick in die lebensweltlichen symbolischen Konstruktionsprozesse von Subjektivität und sozialer Kommunikation von Kriegsteilnehmern, die sich selbst als Objekte der historischen Situation wahrnehmen mussten und doch gleichzeitig sich zu sinnhaftem Sprechen und Handeln aufgefordert fühlten. Die (auto-)kommunikative Funktion der Feldpost bleibt dabei jederzeit in ihren sozialen Kontext eingebettet und kennzeichnet die symbolische Textualisierung des Krieges als einen aktiven Prozess der gesellschaftlichen Selbstverständigung unter Extrembedingungen.

Dr. Nina Simone Schepkowski (Berlin):
"Seitdem ich draußen im Feuer war, erlebe ich jeden Schuß mit und habe die wildesten Visionen": Max Beckmanns Briefe aus dem Krieg und die künstlerische Reflexion seiner Fronterlebnisse

Wenige Wochen nach Kriegsausbruch zog Max Beckmann als freiwilliger Sanitätshelfer in den Ersten Weltkrieg. In Ostpreußen wurde er unmittelbar Zeuge der Schlacht von Tannenberg und den Kämpfen an den Masurischen Seen. Anfang 1915 meldete sich Beckmann zum Kriegsdienst und arbeitete als Sanitätshelfer in Belgien in einem Typhuslazarett, später in einem OP-Saal in Courtray (Cortrijk). Bereits im Sommer des gleichen Jahres erleidet Beckmann einen psychischen und physischen Zusammenbruch und lässt sich in Frankfurt/Main nieder. Nachdem er im Oktober noch einmal nach Straßburg zum Kaiserlichen Hygieneinstitut eingezogen wird, kehrt er wenige Wochen später zurück, wird beurlaubt und 1917 aus dem Kriegsdienst entlassen.
In zahlreichen Feldpostbriefen an seine Gemahlin Minna Tube hielt Max Beckmann seine traumatischen Erlebnisse fest: seine anfängliche Pflicht am Krieg teilzunehmen, obwohl er diesen für ein "nationales Unglück" hält, verbunden mit der Hoffnung über ein schnelles Kriegsende, spiegeln Beckmanns Berichte zunehmend Angst und Entsetzen vor den Grauen und dem Leid des Kriegsalltages wider. Im Angesicht des ständig präsenten Todes und Überlebenskampfes lässt sich aber auch eine gewisse Faszination für das Erlebte ausmachen. Mit den Augen eines Malers saugt Max Beckmann die kriegszerstörte Landschaft auf und lässt die Stille und Zerstörtheit der verlassenen Städte als auch das Leiden und Sterben der verwundeten Soldaten und Flüchtlinge gleichsam als Studienobjekte auf sich Wirken. Seine Zeichnungen zeigen schonungslos die ganze Härte des Krieges und sollten zu einem radikalen Wandel innerhalb seiner bildnerischen Ausführungen werden.
Die aus dem Zeitraum von 1914-1915/16 datierten Briefe wurden bereits 1915 als "Feldpostbriefe aus Ostpreußen" und "Feldpostbriefe aus dem Westen" in der Zeitschrift Kunst und Künstler veröffentlicht. Ein Jahr später erfolgte eine erweiterte Buchpublikation unter dem Titel Max Beckmann. Briefe im Kriege. Gesammelt von Minna Tube, die mit einigen Zeichnungen ergänzt wurde. Erstaunlicherweise sind diese Briefe bisher weder eingehend als eindringliches literarisches Zeugnis ausgewertet noch dezidiert in das künstlerische Œuvre Beckmanns eingebettet worden. Daher sollen die Feldpostbriefe erstmals unter diesen Aspekten ausgewertet und mit seinem zeichnerischen und graphischen Werk verglichen werden. Davon weiterführend soll der Frage nachgegangen werden, wie sich Beckmanns Kriegseindrücke auf sein künstlerisches Werk übertrugen und zu einem gravierenden Wandel seiner Bildsprache führten.

Dr. Elke Scherstjanoi (Berlin):
"Als Quelle nicht überfordern! Zu Besonderheiten und Grenzen der wissenschaftlichen Nutzung von Feldpostbriefen."

Für die Zeitgeschichtsschreibung hat die in den siebziger Jahren einsetzende Hinwendung zur Alltagsgeschichte respektive "Geschichte von unten" nicht nur eine Blickfelderweiterung bedeutet, sondern auch einige neue methodologische Herausforderungen mit sich gebracht. Die seit einigen Jahren im Trend stehende historische Anthropologie mit ihrem Blick auf das "unbedeutende" Einzelindividuum - allein bzw. in mehr oder weniger kleinen Gruppen betrachtet - und die Frage nach Kulturleistung und Lebenssinnstiftung im historischen Kontext, verlangen nach besonderen Kriterien bei der Deutung menschlicher Spuren. Der Historiker ist damit zweifellos mehr herausgefordert als mit üblicher Quellenkritik, wofür der Umgang mit Feldpostbriefen ein Beispiel bietet.
Im Vortrag will ich darauf eingehen, was Feldpost als Quelle der historischen Anthropologie so anziehend macht und welche überzogenen Forderungen nicht selten mit ihrer Verwertung verbunden sind. Die wissenschaftliche Feldpostforschung hat dies bereits thematisiert, doch es scheint notwendig, die Grenzen der Nutzung von Feldpostbriefen nun - einerseits vor dem Hintergrund öffentlicher Kommunikation und Bildungsarbeit, andererseits zwecks methodologischer Präzisierungen - noch einmal gebündelt anzusprechen.
Dabei gilt es, das Problem der Repräsentativität der Quellen aufzugreifen, das in der Wissenschaft hinreichend kritisch gesehen, in der Bildungsarbeit aber oft vernachlässigt wird. Doch darin erschöpfen sich die Betrachtungen zu den Qualitäten dieser Quelle nicht; es wird auf die jeweiligen historischen Besonderheiten allgemeiner Kommunikation (etwa Sprache) einzugehen sein und auf die Bedeutung zweckrationaler und kultureller Entstehungsumstände der Quellen, wobei Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen deutschen Feldpostbriefen des Ersten und des Zweiten Weltkrieges ebenso erwähnt werden müssen wie Unterschiede zwischen privater und quasi öffentlicher Feldpost. Außerdem kann hypothetisch auf kulturelle Eigenarten im internationalen Vergleich eingegangen werden.
Die Betrachtungen laufen auf Fragen hinaus wie: Lesen wir wirklich das in den Briefen, was der Briefeschreiber mitgeteilt haben wollte, und wie muss der Umgang mit ungewollten Botschaften (über latente Befindlichkeiten) sein? Was Feldpostbriefe als historische Quellen leisten können, hängt in starkem Maße von einer historisch-anthropologisch gewichteten Quellenkritik ab, die sich wieder stärker auf den Begriff der ERFAHRUNG zurück besinnt.

Dr. Dorothee Schmitz-Köster (Berlin):
Der Krieg meines Vaters. Feldpostbriefe als Familienerbe und Objekt öffentlicher Reflexion.

Er war gebildet, wortgewandt und schreiblustig: Der 1914 geborene Rudolf S., der am 26. August 1939 seinen "Stellungsbefehl" bekam und im Dezember 1945 aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Sie streng katholisch, allein stehend, symbiotisch mit dem Sohn verbunden: Anna S., Jahrgang 1890, die Mutter von Rudolf S. Zwischen 1935 und 1945 wechselten die beiden über tausend Briefe, von denen ca. 800 Feldpostbriefe im engeren Sinne sind. Es sind Briefe aus dem Arbeitsdienst (1935), aus der Zeit des Wehrdiensts (1935-1937), aus dem Krieg (1939-1945). Und die kommen aus Norwegen, aus den Niederlanden, aus Rumänien, aus dem Baltikum und werden aus Köln beantwortet. Der Bestand ist - abgesehen von einer Lücke - vollständig. Es fehlen die Briefe von der Ostfront, vom letzten Kriegsjahr. Sie wurden "… in Liebenwerda (eine Kleinstadt in Ostdeutschland, wohin Anna evakuiert war) vor Einmarsch der Russen vernichtet". Ergänzend zu den Norwegen-Briefen existiert ein umfangreiches Foto-Album. Beides, Briefe und Album, wurden bereits 1946 geordnet, abgeheftet bzw. eingeklebt, beschriftet - und dann jahrzehntelang aufgehoben. Wenige Jahre von seinem Tod wollte Rudolf S. die Briefe abgeben. So bekam ich sie, seine Tochter - ein Erbe, das ich als Auftrag deutete.
Das Konvolut ist eine wertvolle Quelle.

Zum Arbeitsverfahren: Nach der Entzifferung wurde der zeitgeschichtliche, regionalgeschichtliche, familiengeschichtliche Kontext der Briefe erkundet. Das geschah u.a. durch Archivarbeit und Austausch mit Historikern, durch Interviews mit Familienmitgliedern und mit Privatpersonen, die während des Krieges mit Rudolf S. engen Kontakt hatten. Der Schwerpunkt lag dabei auf Norwegen, aus subjektiven und objektiven Gründen: Feldpost von dort ist bisher wenig aufgearbeitet. Schließlich wurde eine kommentierte Brief-Auswahl als Buch veröffentlicht und in eine Familienerzählung eingebettet und als Radio-Feature produziert.
Methodische Probleme: Die Nähe zum Objekt. Sie erscheint einerseits notwendig, um die private Ebene der Briefe zu erschließen. Andererseits kann sie blinde Flecken erzeugen und zu unangemessenen Urteilen verleiten. Beides war mitzureflektieren.

Dr. Thomas Schneider (Osnabrück):
"Realität" vs. "Fiktion" - Feldpost in der Diskussion um Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" 1928/29

Die Diskussion um Buch und Film "Im Westen nichts Neues" war eine der zentralen kulturpolitischen Kontroversen der Weimarer Republik. Ein besonderes Merkmal der Diskussion um den Text waren Rezensionen, die Remarques Text in zumeist negativen Vergleich zu anderen, nach Meinung der Rezensenten "wahren" literarischen Produkten zum Ersten Weltkrieg setzten. Neben Ludwig Renns "Krieg" und Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" zählt Philipp Witkops "Kriegsbriefe gefallener Studenten" zu den am häufigsten zum Vergleich herangezogenen Publikationen, wobei in der Mehrzahl der Fälle das Medium Feldpost gegen die Form des autobiographischen Berichtes ausgespielt wurde. Der Beitrag wird sich mit den entsprechenden Rezeptionszeugnissen vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung um "Im Westen nichts Neues" unter zwei Gesichtspunkten beschäftigen: 1) Inwieweit wird von den Rezensenten das Medium Feldpost als "authentische" Aussagen über den Ersten Weltkrieg klassifiziert und mit welchen Argumenten wird diese Klassifikation gestützt; 2) Welche Argumentationsmuster werden in der Auseinandersetzung mit Remarques Text genutzt, um die Glaubwürdigkeit von "Im Westen nichts Neues" zu hinterfragen und zugleich die jeweils präferierte Interpretation des historischen Ereignisses Erster Weltkrieg zu stützen. Der Fall "Im Westen nichts Neues"/"Kriegsbriefe gefallener Studenten" ist angesichts der Bedeutung der Diskussion auch für die politische Entwicklung der Weimarer Republik ein herausragendes Beispiel für die Instrumentalisierung des Mediums Feldpost in kulturpolitischen Debatten.

Dr. Claudia Schlager (Friedrichshafen):
Feldpostbriefe als Quellen zur Religiosität im Ersten Weltkrieg. - Anmerkungen zu Aussagewert und Authentizität

Sind Feldpostbriefe geeignete Quellen zur vergleichenden Erforschung katholischer Religiosität in Deutschland und Frankreich im Ersten Weltkrieg? Dies war eine zentrale Frage bei der Auswahl aussagefähigen Quellenmaterials für die Untersuchung des in beiden Ländern zum Kriegskult stilisierten Herz-Jesu-Kultes. Im Sinne einer breit angelegten religiösen Erfahrungsgeschichte des Krieges sollten insbesondere auch die kirchlichen Laien als die zahlenmäßig stärkste Gruppe der religiösen Akteure in den Blick genommen werden. Die einschlägige Fachliteratur zur Erfahrungsgeschichte des Ersten Weltkriegs sowie bereits während des Krieges publizierte Briefsammlungen stützten die Vermutung, Feldpostbriefe seien authentische Dokumente zum religiösen Diskurs und zur spezifischen Frömmigkeitspraxis im Schützengraben und in der Heimat. Um das Fazit vorweg zu nehmen: im Verlauf der Recherchen musste diese Vorannahme revidiert und stark relativiert werden. In meinem Beitrag werde ich unter quellenkritischen Gesichtspunkten die postulierte Authentizität von Feldpostbriefen im Ersten Weltkrieg problematisieren und deren Aussagewert als Quelle, insbesondere zur Religiosität, an ausgewählten Beispielen diskutieren. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die während des Krieges stattfindende massive politische Instrumentalisierung von Feldpostbriefen gerichtet, die sich in Schreib- und Sammlungsaufrufen und den daraus resultierenden Kriegspublikationen in Buchform sowie in Zeitungen und Zeitschriften manifestierte. Die zeitgenössische Mythisierung der Briefe von der Front hatte mitunter starke Effekte auf das Verfassen und das Sammeln von Feldpostbriefen, die heute jedoch von Historikern bei der Analyse von Feldpostbriefen und insbesondere von Herausgebern populärer Feldposteditionen, die sich insbesondere in Frankreich in den letzten Jahren einer großen Beliebtheit erfreuen, kaum thematisiert werden. So muss mit Nachdruck darauf hingewiesen werden: Nur unter Berücksichtigung bestimmter methodischer und theoretischer Prämissen, einer umfänglichen Quellenkritik und Kontextualisierung, die die Entstehungsbedingungen der kommunikativen Gattung Brief berücksichtigt, können Feldpostbriefen als historische Zeugnisse, und dies gilt nicht für die Religiosität des Krieges, gelesen werden.

Prof. Dr. Angela Schwarz (Siegen):
"…whenever I feel depressed I dash off a page or two of scribble": Briefe in die Heimat als Überlebensstrategie britischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Ein charakteristisches Merkmal der Weltkriege in vielen beteiligten Nationen war die Rekrutierung von Zivilisten für den Dienst an der Front. Millionenfach mussten sich Männer, die in ihrem Leben zuvor wenig oder keine Berührung mit Militär und Kriegführung zu tun gehabt hatten, in Soldaten verwandeln. Sie wurden zu Soldaten in einem Krieg, der neue Dimensionen der Ideologisierung, der Zerstörungskraft und der Einbeziehung der Zivilbevölkerung erreichte. In den einzelnen Ländern wurden unterschiedliche Argumente und Maßnahmen eingesetzt, um die Soldaten für den Krieg zu mobilisieren. Auf Seiten der Angegriffenen stand zunächst das Moment der Verteidigung und des Widerstandes im Vordergrund, später das der endgültigen Niederwerfung des Aggressors. Was kam von diesen Argumenten bei den Soldaten tatsächlich an? Wie erlebte ein Mann, der ohne Militäruniform ein Postbeamter in einer südenglischen Kleinstadt oder ein Hafenarbeiter im Londoner East End war, alleinstehend oder mit Frau und Kindern die Verwandlung vom Zivilbürger in den Soldaten? Wie verarbeitete er die Erfahrungen, die er in den verschiedenen Einheiten und an den verschiedenen Fronten machte? Was galt ihm jeweils als Legitimation oder Erklärung für das Kämpfen, sofern er für sich eine fand? Die Antworten darauf erlauben eine Annäherung an die übergeordnete Frage, welche Strategien sich einzelne Menschen zurechtlegten, um ihre Situation im Zweiten Weltkrieg zu meistern. Für Soldaten des Vereinigten Königreiches, die an Schauplätzen in Europa, Afrika und in Asien eingesetzt wurden, spielte das Schreiben an die Angehörigen und Freunde in der Heimat eine wesentliche Rolle dabei. Wie britische Feldpostbriefe zeigen, gelang es so manchem britischen Soldaten gerade durch das ‚Herunterschreiben' von ein paar Briefseiten, schwierige Moment leichter zu bewältigen. Welche Strategien dabei entwickelt wurden und wie sie mit den Kriegszielen der eigenen Regierung zusammenhingen, ist Gegenstand des Vortrags.

Prof. Dr. Clemens Schwender (Potsdam):
Feldpost als Medium sozialer Kommunikation

Aus den Feldpostbriefen wird man kaum historische Ereignisse rekonstruieren können. Was weiß der einzelne Soldat von der Schlacht, in der kämpft? Die schriftlichen Dokumente haben einen anderen Wert: Die Briefe, die zwischen Front und Heimat gewechselt wurden, sind fixierte Alltags-Kommunikation. Damit geben sie Einblicke in das Befinden der Betroffenen, in die Auseinandersetzungen und Diskurse des täglichen Lebens in einer aus den Fugen geratenen Zeit. Gemeinschaften, darunter auch Ehen, Beziehungen, Familien und Freundschaften sind definiert durch die sie bildende Kommunikation. Für gewöhnlich gehen Alltagsgespräche verloren, doch aus dieser Zeit ist Alltag auf Papier festgehalten: Der Klatsch und Tratsch der Familie, die Arbeit, die Besorgungen, auch das Private und Intime, nicht zu vergessen Not und Elend des Krieges. Immerhin war der Feldpost-Brief in jenen Tagen nahezu das einzige Medium der Individualkommunikation, das Soldaten mit ihrem familiären und sozialen Umfeld zu Hause verband. Beziehungen sind auf eine harte Probe gestellt. Da sich diese über Kommunikation bestimmen, dient die schriftliche Kommunikation dazu, die Trennung zu überbrücken.
Theoretisch ist dies schwer zu fassen. Es gibt kaum Modelle und testbare Hypothesen über Alltagskommunikation. Aus der Evolutionspsychologie, einer jüngeren Richtung der Anthropologie, lassen sich jedoch Thesen bilden und überprüfen. Robin Dunbar identifiziert eine wesentliche Funktion der menschlichen Kommunikation im Austausch von sozialen Informationen.

Er sieht vier Funktionen:

Ein wichtiger Nutzen der Sprache ist es also, dass sie den Informationsaustausch über andere Menschen ermöglicht und damit die mühevollen Prozesse abkürzt, ihr Verhalten zu erkunden.
Jerome H. Barkow erwartet in diesem Zusammenhang, dass über bestimmte Personen vorrangig gesprochen wird: "Verwandte, Gegner, Geschlechtspartner, Nachkommen, Partner im sozialen Austausch und die Hochrangigen." Vor allem Barkows Erwartungen sind empirisch an den Inhalten der Feldpostbriefe zu überprüfen. Tatsächlich finden sich hier erstmals Hinweise, die durch sozial-wissenschaftliche Methodik die Funktion der Feldpostbriefe belegen können: Die Organisation des persönlichen sozialen Netzwerkes.

Dr. Ingo Stader (Düsseldorf):
Feldpostbriefe - eine Art "Social Media" im Dritten Reich?

Es war ein Zufall, als ich vor einigen Jahren auf einem Flohmarkt, eine Kiste mit allerlei Schriftstücken entdeckte, zwischen denen sich auch ein Konvolut Feldpostbriefe eines Stuttgarter Arztes von der Ostfront befand. Schnell gefesselt von diesen Briefen, fiel mir bei näherer Betrachtung eines besonders auf: mich wunderte diese distanzierte Sprache, das wenig persönliche und private, obwohl die Briefe ja an die "Liebsten zuhause" gingen. Warum schreibt er so?
Da ich dem Wissenschaftsbetrieb nicht mehr angehöre, habe ich mich sozusagen als interessierter Laie an die Edition und Kommentierung dieser Briefe herangewagt und mich auch fortan intensiv mit Feldpostbriefen beschäftigt. Dabei habe ich als Kommunikationsexperte sicher nochmals einen etwas anders geschärften Blickwinkel: Das Thema, das ich zur Diskussion stellen möchte, ist daher, wieweit die Feldpostbriefe eben auch ein Abbild einer tatsächlich gelebten "Volksgemeinschaft" sind und als Folge daraus, wie tief verinnerlicht die Identifikation mit dem NS-Regime oder besser der NS-Propaganda war.
Feldpostbriefe wurden in Zeitungen publiziert, in kleinen Buchreihen, sie gingen in Umlauf bei den Kollegen am Arbeitsplatz, ja, es wurden sogar Feldpostreferate in parteinahen Gliederungen eingerichtet, Kameraden an der Front wurden angeschrieben, man sammelte ihre Frontbriefe und stellte sie dann für die Öffentlichkeit zusammen. Besonders "erbauliche" Exemplare wurden sogar bei Veranstaltungen vorgelesen, oder bei Nachbarn, Kollegen und Freunden herumgereicht. Die Briefe wurden so zu einem Teil "Volksgemeinschaft", sie sind "öffentlich" und alles andere als privat. Dieses Gemeinschaftsgefühl -das gemeinsame Teilhaben, das Mitteilungsbedürfnis einerseits und die Anteilnahme andererseits am veröffentlicht "privaten Erleben", erinnert stark an heutige Kommunikationsformen wie sie in sozialen Netzwerken und Blogs auftreten. Feldpostbriefe - also eine Art "Social Media" im Dritten Reich?

MA Helen Steele (Swansea/UK):
'Schreiben oder schweigen?': Feldpost and Frauenalltag in Vienna, 1943-1945

My paper aims to examine the significant role Feldpost played in women's daily lives during the Second World War. I would argue that for some women Feldpost came to not only dominate their daily routine, but actually dictate it. Both the act of receiving correspondence and replying took on increased importance for women as the war progressed and conditions on the home front deteriorated. Case studies from the collection of letters at the Sammlung Frauennachlässe (University of Vienna) will be used to support and illustrate my arguments. This evidence is invariably centred on Viennese women and the implications of this perspective will be discussed.
The main case study concerns Lilli S. Unusually, only the correspondence sent to the Front has been preserved. So we have a 'one-sided' account, but an extremely important one nonetheless. Certainly for the first 15 months her letters are full of descriptions of her son, family gossip, and minute daily routine. Miriam Dobson has argued, such 'everyday' content can be investigated, in an attempt to discover why people exerted such effort to articulate their thoughts. The act of 'solitary written reflection' can become part of an individual's attempt to establish the meaning of their life. Lilli S. is clearly bereft without her husband and her daily writings to him become the highlight of her day. It is part of her ability to cope and a way to fashion a workable sense of self. She writes every evening when she has little to say, she writes when she is tired. Later on when an air raid damages her home and she lives with relatives, she continues to write in the evening despite her Mother's protests. It has become her daily duty to maintain their connection and her husband's link to their little family. It is an effort to sustain family intimacy and to give her day some purpose and meaning.
I intend to use such case studies to suggest areas for further analysis and examination. Firstly, to what extent did women try to preserve the dynamics of their household through their letters? If their husband had been the main decision maker, was it possible to maintain this through only letters? Secondly, what do Feldpost letters reveal about women's support networks? Where and to whom were they turning if their regular source of reassurance and advice was unavailable? In this way both the limits and the possibilities of Feldpost as a medium of communication will be explored, as well as the significance it held for women's daily lives.

Dr. Peter Steinkamp (Freiburg):
"Ich habe mehr leisten wollen für den Sieg!" - Abschiedsbriefe von Suizidenten bei der Wehrmacht

Mein geplanter Beitrag möchte eine bisher noch völlig unbeachtete Quelle in die Beschäftigung mit Feldpostbriefen einführen: Abschiedsbriefe von Angehörigen der Wehrmacht, die sich suizidierten. Zweifellos stellen diese - zumeist letzten - schriftlichen Äußerungen ebenso wie andere private Aufzeichnungen von Soldaten Ego-Dokumente dar. Allerdings unterscheiden sie sich von herkömmlichen Feldpostbriefen in verschiedenen Punkten: Abschiedsbriefe stehen als solche häufig isoliert da, es gibt kaum chronologische Sammlungen von mehreren Briefen des gleichen Absenders. Zudem erwarten die Abschiedsbriefschreiber, anders als die meisten Verfasser von Feldpostbriefen, keine Antwort auf ihren Brief; sie wollen eigentlich nur noch einmal gehört werden, sei es mit einer Erklärung für ihr Tun, sei es lediglich mit einem Gruß, der keinen Gegengruß mehr erwartet. Auch haben diese Abschiedsbriefe häufiger als andere Feldpostbriefe zuweilen gar keinen konkreten Adressaten; es wird oft eine Gruppe von Adressaten angesprochen (Angehörige, Kameraden, Vorgesetzte), zuweilen wird - ähnlich wie bei einer Flaschenpost - sogar nur ein anonymer Finder angesprochen. Ebenso wenig nehmen die Schreiber von Abschiedsbriefen noch irgendwelche Rücksichten auf Zensurvorschriften respektive Geheimhaltungspflichten; Gefühle, Erlebnisse, Missstände werden hier - zuweilen quälend konkret - offen benannt.
Zunächst einmal sollte mein Beitrag die Fundorte von solchen Abschiedsbriefen vorstellen. Es handelt sich hierbei zum einen um Verfahrensakten von Wehrmachtgerichten im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, bei denen sich rund 3.500 Akten sogenannter Todesermittlungsverfahren befinden: Diese enthalten die Ermittlungen zu Suiziden, Suizidversuchen und tödlichen Unfällen, die auf dem Dienstweg als "besondere Vorkommnisse" gemeldet worden waren. Vor allem die Akten der Ermittlungsverfahren zu den Suiziden, in einem geringeren Maße auch die zu den Suizidversuchen enthalten häufig die entsprechenden Abschiedsbriefe, nicht selten sogar noch im Original, wenigstens aber in Abschrift. Zum anderen finden sich auch in den mehr knapp viertausend Obduktionsberichten über durch Suizid verstorbene Wehrmachtangehörige, die sich im Bestand der Heeressanitätsinspektion ebenfalls im Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg befinden, vor allem in der vom jeweiligen Obduzenten ermittelten Vorgeschichte bei den klinischen Daten immer wieder inhaltliche Hinweise auf, Zitate aus oder Abschriften von Abschiedsbriefen.
Sodann sollten die Abschiedsbriefe kategorisiert werden, wobei sich zum einen die Unterteilung nach den verschiedenen Motivlagen zum Suizid anbieten, zum anderen die Unterteilung nach der jeweiligen Intention, mit der derlei Abschiedsnotizen verfasst wurden. So finden sich beispielsweise zahlreiche Abschiedsbriefe von Soldaten, die sich aus gesundheitlichen Gründen umbrachten. Exemplarisch hierfür steht der Abschiedsbrief eines siebenundreißigjährigen Verwaltungsmaates an seine Frau von November 1943: "Liebste: Das Herz will wieder nicht. Es ist nicht zum Aushalten. […] Du sollst keinen kranken Mann mehr haben. Heirate wieder. Gott sei meiner armen Seele gnädig. […] Alles für Deutschland! Ich habe mehr leisten wollen für den Sieg!" Doch auch die zweithäufigste Motivlage der Furcht vor Bestrafung ist durch zahlreiche Abschiedsbriefe dokumentiert, wie etwa dem eines gerade einmal 17 ½-jährigen Grenadiers an seine Eltern, dem man zuvor Kameradendiebstahl vorgeworfen hatte, ehe er sich im Mai 1944 ebenfalls durch Kopfschuss tötete: "Ursache: ich bin nicht im Unrecht und habe die Dose nicht genommen. Und werde als Dieb hingestellt um zu unterdrücken, Ade ihr lieben Eltern, lebt wohl, ich sterbe in Gedanken an euch. […] Abschied euer Friedrich. Tröstet euch damit ich bin erlöst von allem und mache keinen Kummer mehr. - 1. Pfingstagabend 1944 - Ade für immer." - Eine Unterteilung hinsichtlich der Intention hingegen würde zeigen, welche Funktion die Suizidenten ihren Abschiedsbriefen zumessen wollten, etwa die, eine Erklärung für ihr Tun zu bieten, sich von Anschuldigungen freizusprechen, ihrerseits Anschuldigungen zu erheben oder bestimmte Wünsche zu äußern, beispielsweise den an Vorgesetzte, die eigentliche Todesursache den Angehörigen zu verschweigen, oder auch den nach einem ehrenvollen Begräbnis.
M.E. bietet gerade der Blick auf schriftliche Äußerungen von Soldaten in existenziellen Extremsituationen, wie sie ein zugespitzter suizidaler Zustand kurz vor Ausführung des Suizids ohne jeden Zweifel darstellt, einen so bisher noch kaum möglich gewesen Blick auf eine der Realitäten des Krieges.

Dr. Thomas Vogel (Potsdam):
"Im Briefe kann man sich nicht erklären" - Von der relativen Bedeutung des Feldpostbriefes als Quelle der historischen Forschung.
Erfahrungen mit dem schriftlichen Nachlass des Hauptmanns Wilm Hosenfeld (1895-1952)

Der Beitrag ist Ausfluss einer länger zurückliegenden editorischen Beschäftigung mit dem umfangreichen schriftlichen Nachlass von Wilm Hosenfeld, Reserveoffizier der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, aber auch "Helfer und Retter" im deutsch besetzten Polen. Ein überliefertes Zitat von Hosenfeld dient als Ausgangspunkt, um ganz grundsätzlich die Bedeutung des Feldpostbriefes speziell für die historische Forschung zum Widerstand im "Dritten Reich" zu hinterfragen, nachdem Hosenfeld als Person der Zeitgeschichte gemeinhin in diesem Kontext wahrgenommen wird. Dabei werden die Grenzen dieses Mediums, dann aber auch sein gerade im vorliegenden Fall nachweislicher Quellenwert sichtbar gemacht. Einsichten in das große inhaltliche Spektrum der Feldpostbriefe mit seiner gesamtbiografischen, aber auch über die Person Hosenfelds hinausgehenden Bedeutung runden die Betrachtung ab.

Tatiana Voronina (St. Petersburg/RUS):
Wie liest man Briefe von der Front? Aktuelle Darstellungen der Feldpost in russischen Museen des Zweiten Weltkriegs

Der Vortrag widmet sich der Frage, wie die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg im heutigen Russland kommuniziert wird, im Besonderen, welche Rolle dabei die Feldpost einnimmt.
Der Tag des Sieges gilt als einer der wichtigsten russischen Feiertage. Besonders eindrucksvoll ist das Jubiläum des Tages des Sieges in diesem Jahr ausgefallen. Die symbolische Umrahmung des Festes bestand in großem Maße aus sowjetischer Symbolik: die Militärparade am Roten Platz, sowjetische Plakate an den Litfasssäulen, rote Fahnen. Diese Ästhetik der Feierlichkeiten sowie die defensive geschichtspolitische Richtung, welche sich Bekämpfung der "Falsifizierungsversuche" des Zweiten Weltkriegs zum Ziel setzt, deutet daraufhin, dass die offizielle Interpretation der Kriegsereignisse noch dem sowjetischen Erinnerungskanon der sowjetischen Periode behaftet ist. Der Zweite Weltkrieg, oder eher der Große Vaterländische Krieg, wie es in Russland immer noch bezeichnet wird, wird weiterhin als heroische Seite der nationalen Geschichte verstanden und dargestellt.
Freilich ist dieses Geschichtsbild vom Krieg nicht das alleineinzige in der russischen Gesellschaft. Der Diskurs der Macht dominiert im modernen Russland, gleichwohl gibt es auch andere Zugänge, den Krieg darzustellen. Dabei wird der Krieg als eine private Erfahrung, als Geschichte der einzelnen Menschen visualisiert. Als einer der möglichen Wege einer solchen Erzählung erweist sich die Ausstellung der privaten Dokumente, unter anderem der Briefe von der Front.
Die Arbeit der Feldpost sowie die Briefe selbst (von der Front, sowie an die Front) gehören zum gewöhnlichen Sujet der russischen Kriegserinnerungskultur. Die in Form von Dreieck gefalteten Feldbriefe wurden zu den gut erkennbaren Symbolen der Epoche und die Ausstellungen mit den Briefsammlungen zu beliebten Veranstaltungen während der Gedenkdaten in Russland. Was symbolisieren die Feldpost-Briefe? Welche Botschaft und Erinnerungsleistung soll durch sie vermittelt werden? Wie "erzählen" sie den Krieg?
Eine Antwort auf diese Fragen gibt die Auseinandersetzung mit einigen erinnerungspolitischen Projekten, welche den Jubiläumsfeierlichkeiten 2010 gewidmet wurden. Im Vortrag wird die Ausstellung "Unter Tränen schreibe ich diesen Brief..." vom Mai 2011 im Anna-Achmatowa-Museum in St. Petersburg thematisiert, in welcher die nicht-zensierten Soldaten-Briefe gezeigt wurden. Des Weiteren soll das Internet-Projekt des Portals Infox.ru (http://infox.ru/science/past/2010/04/26/Pisma__Syerzhant_Okt.phtml) und die Veranstaltungen des staatlichen Postamtes zum Jubiläumsjahr des Tages des Sieges besprochen werden. Die Auswahl der Projekte ist zum einen durch deren Repräsentanz von unterschiedlichen erinnerungskulturellen Techniken bedingt, zum anderen haben sie alle einen unmittelbaren Bezug zu der Darstellung der Feldpost aus den Kriegsjahren.

MA Frank Werner (Auetal):
Soldatische Männlichkeit in der Feldpost - Geschlechtsspezifische Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944

Die Vielzahl von Feldpost-Editionen zum Zweiten Weltkrieg lässt sich kaum mehr in Titeln, nur noch in Regalmetern bilanzieren. Umso erstaunlicher, dass sich in der Flut der Beiträge fast keine Forschungen finden, die einer der basalsten, alltäglichsten und in den Briefen zudem ausgesprochen evidenten Kategorie soldatischer Selbstidentifikation nachspüren: der Kriegserfahrung von Männern in ihrer integralen Eigenschaft als Männer. Ebendiese Frage diskutiert der vorliegende Beitrag. Er geht aus einem Dissertationsprojekt hervor, das auf der Grundlage von offiziellen Militärquellen und Feldpostbriefen (auch aus den Beständen des Museums für Kommunikation Berlin) nach der Normierung, Aneignung und Handlungsbedeutung soldatischer Männlichkeit im nationalsozialistischen Krieg fragt. In welcher Weise beeinflussten Sinnstiftungen der Männlichkeit Selbst- und Weltbilder, Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen sowie handlungsleitende Motivations- und Legitimationsstrategien deutscher Soldaten insbesondere im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion? Um es zuzuspitzen: Wie "männlich" war der verbrecherische Krieg im Osten, und welche Funktion erfüllten Geschlechterkonstrukte bei der Suspendierung traditioneller Moral, dem Übergang von militärischer zu genozidaler Gewalt?
Nach der Relevanz von Männlichkeit im Krieg zu fragen, drängt sich aus zwei grundsätzlichen Erwägungen auf. Zum einen konstituiert Geschlecht einen wesentlichen, wenn nicht den wichtigsten Anker personaler Identität. Die Zurechnung von Männlichkeit sichert allseits akzeptierte Anerkennung, die Scham der Unmännlichkeit erschüttert das Selbstkonzept bis ins Mark. Das gilt zumal im Nationalsozialismus, in dem das Konzept "soldatischer Männlichkeit" vom Geschlechts- zum Gesellschaftsideal expandierte: Mit der kultischen Verehrung stieg zugleich die soziale Fallhöhe, die den mit Männlichkeit assoziierten Normen extreme Verbindlichkeit, ja unentrinnbare Gültigkeit bescherte. Erst die Formulierung militärischer Anforderungen als männliche Tugenden, so lautet die These, verlieh dem soldatischen Ethos jene subjektive Bindungs- und Geltungskraft, die für die Wehrmacht allgemein als kennzeichnend angesehen wird.
In der Analyse der Feldpost werden drei Dimensionen unterschieden, in denen sich Männlichkeit (über den Modus kameradschaftlicher Vergemeinschaftung hinaus) als signifikantes Individualitätsprinzip manifestiert: als subjektives Angebot zur Selbstverortung und Selbstidentifikation, als kollektiver Wahrnehmungsfilter, der die Unübersichtlichkeit des Krieges in den Chiffren dualer Geschlechterbilder ordnet, und als sozialer Geltungswert, der die Kriegsgesellschaft nach Maßstäben der Männlichkeit hierarchisiert und individuelle Anreizstrukturen zur Normerfüllung konstituiert. Insbesondere der Feldzug im Osten repräsentierte in dieser Hinsicht eine Gelegenheitsstruktur - und ein extremes Krisenszenario zugleich, das in gesteigertem Maß nach Sinnstiftung verlangte. Von Interesse ist, inwieweit Deutungen der Männlichkeit aktiviert wurden, um einerseits soziale Nobilitäts- und Überlegenheitsansprüche zu formulieren, und andererseits die Strapazen und Grausamkeiten dieses Feldzugs zu verarbeiten und in das Selbstkonzept zu integrieren. Und lässt sich zeigen, dass die Bewältigung nicht nur der Belastungen des Krieges, sondern auch der moralischen Skrupel des Vernichtungskrieges als Anforderung der Männlichkeit verhandelt wurde? In diesem Zusammenhang stellt sich zudem die grundsätzliche Frage, was spezifisch männlich an einem Krieg war, der auch von Frauen geführt wurde, und inwieweit sich überhaupt von männlichen Gewaltmotiven sprechen lässt, wenn auch Frauen zu Täterinnen wurden.
Feldpostbriefe eignen sich in besonderer Weise zur Untersuchung von Männlichkeit, weil sie als "Gesprächsmedien" kommunikative Räume zur Selbstinszenierung schaffen. Männlichkeit wird hier nicht nur als kulturelles, sondern auch als kommunikatives Konstrukt verstanden, das sich in Abhängigkeit bewertender Adressaten, einer zumindest imaginierten Kontrollinstanz, realisiert. So gesehen schränken weder die Anforderungen der jeweiligen Schreibsituation noch die gesellschaftlichen Grenzen des Sagbaren den Quellenwert der Briefe ein, vielmehr werden sie selbst zur Quelle - Selbstzensur ist auch ein Aspekt männlicher Selbststilisierung. Gerade im kommunikativen Charakter der Feldpost liegt bei der Suche nach Männlichkeit mithin der Schlüssel zur Authentizität.

MA Kerstin Wölki (Dortmund):
"Und ab ging die Reise!" Kriegserfahrung deutscher Soldaten in Frankreich

Bilder von Kriegsschauplätzen und Urlaubserlebnissen passen nicht zueinander, scheinen sich zu widersprechen. Kriegsgeschehen positiv zu besetzen ist jedoch eine Möglichkeit Kriege wahrzunehmen und wird - beispielsweise von der amerikanischen Marine - bis heute als Interpretationsmuster von militärischer Seite angeboten. Ob und inwieweit dieses Wahrnehmungsmuster speziell bei deutschen Soldaten existierte, die während des Zweiten Weltkrieges in Frankreich eingesetzt wurden, wird Thema des Vortrages sein. Basis der Erkenntnisse ist ein heterogener Quellenkorpus von teils veröffentlichten, teils unveröffentlichten Feldpostbriefen, Tagebücher und Fotografien.
Soldaten treten im Zweiten Weltkrieg als Autoren vor allem durch das Schreiben von Feldpostbriefen und das Führen von Tagebüchern in Erscheinung. Der private Schriftverkehr mit den Angehörigen mittels Briefen und Karten wird vielfach ergänzt um private Kriegstagebücher. Im Gegensatz zu offiziellen Quellen legen diese Quellen Zeugnis von dem unmittelbar erlebten Geschehen ab. Im Gegensatz beispielsweise zu Autobiographien, die sich auf Zurückliegendes beziehen, bei denen das Gedächtnis bereits individuell Erinnerungswürdiges herausfiltert und im Hinblick auf die Darstellung eines Gesamtprozesses ordnet. In Tagebüchern und Feldpostbriefen geschieht dies in weit geringerem Maße, weshalb ihr großer Reiz die Unmittelbarkeit der Erlebnisse, die subjektive Reaktion des Autors auf Geschehnisse des Krieges ist. Den nicht unproblematischen Aspekten wie Verschiedenheit der Gattungen, Bedingungen des Schreibprozesses, Selektivität auf mehreren Ebenen, äußere Zensur durch Feldpost-Prüfstellen und Selbstzensur des Autors stehen bei der Analyse von Selbstzeugnissen auch Leistungen gegenüber: Der Blick wendet sich der Mikrogeschichte zu und stellt den einfachen Soldaten ins Zentrum der Betrachtung, denn Feldpostbriefe wie auch private Tagebücher sind zwei der wenigen authentischen Quellengattungen, die von Mannschafssoldaten noch heute erhalten sind. Weit gefasst ist jeder Kriegseinsatz, findet er abseits des eigenen Wohnortes statt, eine Form von Reise, da er das Verlassen der Heimat, den Aufenthalt am Bestimmungsort und nach einer gewissen Zeit die Rückkehr an den Ausgangspunkt impliziert. Hier soll es aber um einen enger gefassten Reisebegriff gehen, konkret um die Wahrnehmung des Krieges als Urlaubs- und Vergnügungsreise durch deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Diese Erfahrungsgemeinschaft trat in Frankreich häufiger auf als in anderen Orten oder Ländern, in die der Zweite Weltkrieg führte und ist gleichermaßen ein Gegenmodell zur Kriegserfahrung in Osteuropa. Feldpostbriefe und Tagebucheinträge zeigen, dass unter den deutschen Soldaten allgemeine Begeisterung darüber herrschte, in Frankreich eingesetzt zu werden. Aussagen der Soldaten zu Frankreich geben Auskunft über die subjektive Erlebnisstruktur "Krieg als Reise". Dazu zählen die Beschreibungen des Neuen und Unbekannten - beispielsweise Land und Landschaft, französische Architektur, aber auch Literatur, Oper und Theater, Verpflegung und Unterkunft. Der Krieg stellt für viele Soldaten die erste Gelegenheit, die Heimat zu verlassen, daher gehen sie oft mit dem touristischen Blick des Reisenden durch das fremde Land und beschreiben begeistert eindrucksvolle Landschaften und Gebäude, fremde Städte oder Stimmungen. Dieses subjektive Wahrnehmungsmuster hatte aber auch in Frankreich seine Grenzen und konnte in sich zusammen fallen. Dies geschah, wenn die existentielle Bedrohung durch Kampfgeschehnisse groß war, aber auch bei negativen Reaktionen seitens der französischen Bevölkerung auf die deutschen Besatzer und der Wahrnehmung von Zerstörungen. Entsprechend lassen sich unmittelbar nach dem Frankreichfeldzug die meisten Hinweise auf einen Reise-Topos finden, im Verlauf des Zweiten Weltkrieges und erst recht bei der Landung der Alliierten in der Normandie nehmen die Bezeichnungen wie "Ferienreise", "Ausflug" oder "Sommerfrische" ab. Das Deutungsmuster bleibt jedoch auch nach 1944 abrufbar und ist bis heute erhalten, wenn Zeitzeugen versuchen, jenen, die nicht am Krieg teilgenommen haben, ihre Erlebnisse zu vermitteln.
Der Vortrag ermöglicht einerseits einen Einblick in Kriegserfahrung als positives Reiseerlebnis, andererseits gibt er einen Überblick über die bei Analysen von Selbstzeugnissen stets erforderliche Quellenkritik, speziell im Hinblick auf die Bedingungen während des Zweiten Weltkrieges. Textpassagen und Abbildungen verwendeter Selbstzeugnisse wie auch Diagramme, die die Themengewichtung einzelner Autoren veranschaulichen, runden den Vortrag ab.

Dr. Ryan Zroka (San Diego/USA):
To the Bitter End: Morale and Motivation on the German Army in defeat 1918

Historians have long regarded the First World War as the "archetype of futility." The war destroyed an entire generation of young men and undermined Europe's dominant position in the world order, and yet none of the belligerent powers could clearly articulate what they were fighting for. Understanding why the war was allowed to go on for so long, and why it became so extraordinarily destructive, has preoccupied historians for most of the last century. Previous generations of historians tended to approach this as a political problem. More recently, historians have focused more on the role of ordinary soldiers, who - with a few notable exceptions - continued to fight for the duration of the conflict. If trench warfare were indeed so appalling, they ask, why did soldiers endure it for so long? Why didn't they simply quit and go home, or turn against their masters? These questions have been particularly difficult to answer in the case of the German army. By most measures, the German army fought under greater strains than any of its counterparts. Yet the German army also maintained the greatest level of internal cohesion throughout the war. Only in the very last weeks did serious signs of strain emerge, and even then they were not enough to critically undermine operations. The resilience of the German army in 1918 has sometimes drawn comparisons to the grim determination of the Wehrmacht in the closing months of World War II. But the comparisons only make the case at hand more difficult to grasp. The soldiers of 1918, unlike those of 1945, were not driven by the fear of draconian punishment, or of enemy retribution. Nor did they conceive of the war in racial or ideological terms. By every indication, these men simply wanted the war to end as quickly as possible, on whatever terms would make that possible. And yet they continued to fight. The purpose of this project is to understand why they did so.
Rather than explain the behaviour of these men in terms of the institutional mechanisms meant to control them, I have focused on the social processes among soldiers. This is approach is drawn from the study of grass-roots resistance movements in other contexts, especially working class movements. These studies have shown that there are possibilities for resistance in even the most repressive systems. But to be effective, resistance must be collective and highly coordinated. Whether and how resistance occurs, then, is primarily a question of organization - of how individual interests are transformed into collective action. Understanding these processes demands a relatively broad reconstruction of soldiers' lives. The work of social scientists and historians has shown that social organization is a highly complex and multi-dimensional process. It is not entirely, or even primarily, about shared interests, in a simple utilitarian sense. Rather, it is shaped by a host of cultural, psychological, and local factors. Writing history in a way that apprehends these diverse factors requires a flexible combination of approaches, of micro- and macro- perspectives, of social and cultural analysis. This is what Richard Evans called "grasping the depth of social conflict". The "top down" portions of the study rely on official sources, especially court records, war diaries, casualty lists, censorship and police files. The "bottom up" dimension of my work relies to a considerable extent on soldiers' own accounts, primarily letters and diaries. My intent has been not to simply use these sources to add colour to an otherwise quantitative study, but to make them a major pillar of my project.
In general, my project argues that the German army held together because soldiers' opposition to the war could never become collective action. As the social fabric of the army unraveled under the pressures of war, individual interests could not be joined to form collective interests. This view rests of four connected arguments. First, I argue that the German army was too internally divided to permit the formation of stable sub-groups, which would have been in a position to organize collective action. Second, I argue that soldiers were diverted from political action by their continuing connections with relatives at home. These connections were critical in maintaining soldiers' morale. My third hypothesis is concerned with group identity. I argue that, as the military became increasingly specialized and internally complex, there ceased to be any real common experience around which soldiers could forge a group identity. To the extent that any group identity did develop, it was a relatively weak and diffuse identity, built around the experience of shared suffering. Finally, I argue that soldiers lacked the information that they needed to act. The decision to resist always depended, at least partly, on calculations about the larger situation: how long the war would last, who would win, and so forth. But the average soldier could hardly even guess at the answers. When nothing could be known for certain, taking action became increasingly difficult.