Feldpost im Zweiten Weltkrieg
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Marie Wilz:

Die Wahrnehmung des französischen Kriegsgegners in Feldpostbriefen aus dem Zweiten Weltkrieg

(Diplomarbeit am Institut für Sprache und Kommunikation an der TU Berlin 2002)

(Abbildung aus: Sei tausendmal gegrüßt. Feldpost-Briefwechsel Irene und Ernst Guicking 1937-1945, Berlin 2001)

"Im Westen ist es doch schöner als im Osten."[ 1 ] Ein Eindruck, den viele Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg teilten. Auch suchte in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren so mancher den Weg zurück nach Frankreich zu seinem ehemaligen Einsatzort; Volkshochschulen organisierten eigens zu diesem Zweck Studienreisen. Eine eigentümliche Situation: Ehemalige Soldaten suchen das Land und die Menschen auf, das und die sie jahrelang besetzt und unterdrückt hielten. Warum? Es ist allgemein bekannt, dass Hitler durch seinen ideologisch gefärbten Vernichtungskrieg in Polen, Tschechien und Russland auf die Schaffung neuen "Lebensraumes" im Osten zielte. Dort "kam der Nationalsozialismus gleichsam zu sich selbst".Auf den westlichen Kriegsschauplätzen hingegen wurde der Gegner - zumindest zu Beginn des Zweiten Weltkrieges - weniger durch ideologisch-rassistische Kriterien stigmatisiert als aus strategischen Gründen bekämpft. Während das besetzte Polen "als Experimentier- und Exerzierfeld für die unbeschränkte Anwendung nationalsozialistischer Gesellschaftstheorie quasi zum rassenbiologischen Labor wurde" [ 2 ], gab es in Frankreich lange Zeit noch eine eigene Regierung, wenn auch keine unabhängige, und die deutschen Besatzungstruppen waren unter strenger Strafandrohung angewiesen, sich der französischen Bevölkerung gegenüber korrekt zu verhalten. Dies geschah nicht aus Freundlichkeit. Die Vichy-Regierung unter dem neuen Staatschef Pétain hatte den Weg der Kollaboration gewählt, darüber hinaus aber konnte eine "gute Zusammenarbeit" mit der Bevölkerung den Zielen der nationalsozialistischen Frankreichpolitik (Kampfbasis gegen England, Ressourcenlieferung, usw.) nur zuträglich sein - mehr noch: nachdem die Besatzungstruppenstärke im Zuge der gravierenden Menschenverluste an der Ostfront beträchtlich sank, war man in einem gewissen Maße sogar auf sie angewiesen.

Andererseits hatte Hitler schon Jahre zuvor in "Mein Kampf", an eine lange und blutige Tradition anknüpfend, zum "letzten Entscheidungskampf" gegen den Erbfeind Frankreich aufgerufen. Auf revanchistische Forderungen gegen das "Versailler Diktat" hatte er unter anderem seinen politischen Aufstieg gegründet; ein Motiv, das in der deutschen Berichterstattung zum Frankreich-Feldzug 1940 dann auch eine große Rolle spielte.

In der vorliegenden Arbeit sucht Marie Wilz in Feldpostbriefen in Frankreich stationierter Soldaten danach, welchen Niederschlag das Spannungsverhältnis zwischen Deutschen und Franzosen, zwischen Besatzern und Besetzten auf die Wahrnehmung von Frankreich und Franzosen fand. Die Wahl einer persönlichen, privaten Quelle ermöglicht einen direkten, authentischen Einblick in das subjektive Erleben der Soldaten, da ihre zeitliche Nähe zum Geschehen keine ex-post-Interpretationen oder "Korrekturen" erlaubt.

Untersucht werden stichprobenartig die Briefserien von fünf Schreibern. Im Vordergrund steht die Prüfung ihrer Aussagen auf Konsens oder Dissens mit historisch tradierten deutschen Frankreich-Stereotypen und nationalsozialistischen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern. Zentral ist die Frage nach der Existenz eines Feindbildes Frankreich, welches in Motiven wie deutsch-französische Erbfeindschaft, Rache für Versailles, usw. erkennbar wäre. Nach Manifestationen ihres "gesellschaftlichen Wissens" also wird im Duktus der Soldaten gesucht, da dieser "individuelle Wahrnehmungen und Erfahrungen transportiert, die für den Betrachter einmalig sein können, dessen Wortwahl aber immer von der überindividuellen Sprach- und Deutungsgemeinschaft der Bezugsgesellschaft gespeist wird."[ 3 ]

Eine diachrone Vorgehensweise ermöglicht es zudem, etwaige Entwicklungen und Veränderungen der Fremdwahrnehmung der Soldaten im Laufe der Kriegs- und Besatzungsjahre aufzuspüren und zu verfolgen. Denn Nationalstereotypen unterscheiden sich unter anderem von Feindbildern dadurch, dass sie, obgleich sie sehr langlebig sein können, "durch Interaktion korrigiert, ausbalanciert und abgebaut werden können."[ 4 ] So wird in der Arbeit beobacht, inwiefern in den Briefen beschriebene Interaktionserlebnisse die Fremdwahrnehmung der Soldaten beeinflussten.

[ 1 ] Feldpostbrief von Alois Scheuer vom 3.8.1942, in: Scheuer, Günter (Hrsg.): Briefe aus Russland. Feldpostbriefe des Gefreiten Alois Scheuer 1941 - 1942, St. Ingbert 2002
[ 2 ] Latzel, Klaus: Deutsche Soldaten - nationalsozialistischer Krieg? Kriegserlebnis - Kriegserfahrung 1939-1945, Paderborn 1998, S. 15
[ 3 ] Stenzel, Thilo: Das Rußlandbild des ‘kleinen Mannes’. Gesellschaftliche Prägung und Fremdwahrnehmung in Feldpostbriefen aus dem Ostfeldzug (1941-1944/45), Mitteilungen des Osteuropäischen Instituts München 1998, S. 15
[ 4 ] Jahr, C., Mai, U., Roller, K. (Hrsg.): Feindbilder in der deutschen Geschichte, Berlin 1994, S. 12f

 

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Kontakt zu Marie Wilz per E-Mail